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  Kultur
 
Über Trauer und Freude - 23.11.2016
In Nürtingen fanden zum dritten Mal die Stillen Tage statt

  (to) Dass so gegensätzliche Gefühle wie Trauer und Freude innerlich miteinander verbunden sein können – diese Einsicht stand im Mittelpunkt bei den Stillen Tagen, die in diesem Jahr zum dritten Mal in Nürtingen stattfanden. Neben einem Vortrag zum Thema, einem Theaterabend und einer Kunstausstellung wurden auch vielfältige Erfahrungsräume angeboten.

Philosophisch und tänzerisch wurde das Thema der Stillen Tage 2016 bei einer Matinee am vergangenen Sonntag im Bestattungshaus Riempp in Neckarhausen beleuchtet: Der Nürtinger Philosoph Thomas Oser zog anfangs den Dichter Goethe zu Rate, der einmal geschrieben hatte: „Der weise Mann wird im Trauerhause Heiterkeit und im Hause der Freude Ernst einzuführen versuchen.“

Im Weiteren führte Oser aus, was es mit dem Ausdruck „vor Freude weinen“ beziehungsweise mit dem Phänomen der Freudentränen auf sich hat: Nicht das freudige Ereignis selbst sei, so Oser, der Grund für Tränen. Vielmehr würde im Moment der freudigen Erfüllung geweint, weil man sich manchmal erst dann erlauben würde, einen vergangenen Schmerz auszudrücken. Manchmal bezögen sich die Freudentränen auch auf die Zukunft: Im Augenblick des Glücks würde einem dessen Unwiederbringlichkeit oder gar die Vergänglichkeit des Lebens überhaupt bewusst.

Die Trauer in der Freude zu erkennen, sei wesentlich leichter als die Freude in der Trauer, räumte Oser sodann ein. Dass aber zumindest das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit einen Freudenmoment in sich berge, konnte Oser mit Verweis auf den Arzt und Philosophen Albert Schweitzer deutlich machen: Dieser sagte einmal sinngemäß, dass aus dem Todesgedenken die wahre zum Liebe zum Leben erwüchse, weil wir dann unser befristetes Leben als ein Geschenk annehmen könnten.

Der heikelste Punkt des Vortrags betraf die Frage, ob auch Freude dann mit im Spiel sein kann, wenn wir einen innig geliebten Menschen verloren haben. Oser hob zunächst hervor, dass Trauerprozesse bei jedem Menschen anders verliefen und dass es durchaus Zeiten geben könne, in denen man kein Licht am Ende des Tunnels sehe. In einem gelingenden Prozess des Abschiednehmens könne sich aber die Trauer in Liebe verwandeln.

Es ginge, so Oser, aber keinesfalls darum, den geliebten Verstorbenen, einfach loszulassen oder gar zu vergessen, vielmehr darum – wie es der Theologe Dietrich Bonhoeffer einmal unnachahmlich ausgedrückt hat – die Lücke, die ein Verstorbener unwiderruflich hinterlässt, unausgefüllt zu lassen und gerade auf diese Weise mit diesem verbunden zu bleiben. Dann sei es vielleicht irgendwann auch wieder möglich, sich ohne ein schlechtes Gewissen dem Leben mit seinen Freuden zuzuwenden.

Die japanische Tänzerin Sawako Nunotani zeigte an drei Stellen des Vortrags Choreografien, die sie eigens für diesen Anlass entwickelt hatte und in denen die Gefühle der Trauer und der Freuden in unterschiedlichen Nuancen ihren Ausdruck fanden. Ganz besonders ergriffen war die Zuschauer von ihrem Tanz zu dem Musikstück „Pie Jesu“ aus dem Requiem von Andrew Lloyd Webber, in dem die Schwere der Trauer zarte Flügel zu bekommen scheint.

Bereits am Samstagabend zeigte das Improvisationstheater Charmeützel in der Alten Seegrasspinnerei seine Collage „Endstation Eden“, in der auch gegensätzliche Gefühle und Einstellungen  Thema waren – nämlich die bezüglich der Frage, ob Unsterblichkeit für uns Menschen ein Traum oder ein Albtraum ist. Zu Beginn erhielten die Zuschauer Zettel, auf denen Fragen standen wie: „Wann hat Sie schon einmal ein Strahl des Paradieses getroffen?“

Einige der Antworten wurden dann während der Collage vorgelesen und so zum Sprungbrett für spontan improvisierte Szenen. Auf Zuruf des Publikums projizierte der Künstler Jörg Seemann  auch einige seiner Bilder zum Thema an die Wand und die Charmeützels erweckten diese dann szenisch zum Leben. Zur dichten Atmosphäre des Abends trug auch der Musiker Bamba Amsberg am Keyboard bei, der die Gesangseinlagen der Mimen begleitete und die gespielten Szenen auch klanglich untermalte.

An den Nachmittagen dieses Wochenendes wurden zudem vielfältige Erfahrungsräume in der Alten Seegrasspinnerei angeboten, in denen die Stille, das Innehalten und Loslassen sowie das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit wesentliche Rollen spielen:

So spürten die Kunsttherapeutin Marion Musch und die Klinikseelsorgerin Sabina Brandenstein in ihrem Workshop „Kostbarkeiten“ alten und neuen Ritualen für die Zeit zwischen Tod und Trauerfeier nach. Die Klangkünstlerin Alexandra Ott lud zum meditativen „EinKlang in die Stille“ ein und Thomas Oser leitete nicht nur eine Sterbemeditation an, sondern moderierte auch einen philosophisch-persönlichen Austausch zu der Frage, wie der Tod zu einem Ansporn im Leben werden könne. Sawako Nunotani erforschte schließlich in einem Workshop tänzerisch die Leere und die Stille.

Noch bis Freitag, 25. November, ist die Begleitausstelllung zu den Stillen Tagen 2016 mit Engel-Darstellungen von Marion Musch und Kreuz-Bildern von Jörg Seemann in der KulturKantine der Alten Seegrasspinnerei zu sehen.



 


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