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  Kultur
 
manía - Einblicke in die Welt des Friedrich Hölderlin - 23.1.2009
Sohn, Zeus

 

(mw) Der in Nürtingen aufgewachsene Dichter Friedrich Hölderlin zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern. Mit seinem aktuellen Stück "manía" thematisiert das Nürtinger „theater existenziell“ auf eine neue Art Aspekte des Motives „Hölderlin“. Das Theaterstück ist selbst gemacht und wird von Laienschauspielern und weiteren Mitwirkenden in Form einer beeindruckenden szenischen Bild- und Bewegungs-Choreografie präsentiert. Die ersten Aufführungen fanden im Rahmen des „Theaters im Provi“ in den Räumen des Kulturvereins „Provisorium“ im Untergeschoss der Stadthalle Nürtingen statt.

Der Titel macht zunächst stutzig. Der altgriechische Begriff "manía" oszilliert zwischen Raserei, „Außersichsein“, krankhaftem Wahnsinn auf der einen und Hochstimmung, ja göttlicher Begeisterung auf der anderen Seite. Damit passt er nach Ansicht des "theaters existenziell" durchaus zum Leben des Poeten Friedrich Hölderlin. Die Regisseure Isabella Horváth und Thomas Oser gehen von historisch-biografischen Fakten, literaturwissenschaftlichen Deutungen und vor allem von Hölderlins Dichtung selbst aus und lassen sich davon zu ihren szenischen Bildwelten inspirieren. Vor allem wollen sie mit dem Leben in existenziellen Fragen konfrontieren, es nach Möglichkeit in positive Richtung verändern.

Das Vorstück – noch im „Zentralsaal“ des Provisoriums - greift idyllische, verniedlichende Darstellungsweisen und Vermarktung auf, zeigt wie auch in Nürtingen mit Hölderlin umgegangen wird. Ironisch führt Raya Fraenkel in die "Hölderlin-Soiree" ein, weist darauf hin, dass just hier in diesem Raum Wein von Hölderlins Stiefvater, dem Nürtinger Bürgermeister Gock, gelagert wurde. Nürtingen und Hölderlin, das sei eine "gaaanz besondere Geschichte!" Die Stadt und seine Mutter hätten ihn "liiiiebevoll" aufgenommen. Ein wirklicher Revolutionär sei er ja nie gewesen, vielmehr habe er die Leute bilden wollen, sogar in China werde er gelesen ... Doch da platzt dem bislang reglos auf einem Podest verharrenden Hölderlin (Clemens Bregger) die Hutschnur. In einem unvermittelten Ausbruch erregt er sich auffallend wütend gegen das, was heute solcherart aus ihm gemacht wird, wehrt sich gegen die Art seiner touristischen Vermarktung wie auch das idyllische Bild eines beschaulichen Heimatdichters und ruft lauthals: "China, China, China! Warum macht ihr einen Affen hier aus mir? Das, das bin ich! Auf T-Shirts, Taschen, Buttons, Postkarten, auf Wein, auf Bier ... Sauft, lasst’s euch schmecken, fresst euch voll, und du und du" Schon übertönt das Martinshorn der Polizei seine Worte und es wird von der Security ein Tuch um ihn geschlungen, nach Art einer Zwangsjacke. "Nein, lasst mich! Ich hab nichts g’macht." Und schon ist der ruppige Hölderlin im Turm. – "Musik, Musik – es ist alles in Ordnung!"

Das eigentliche Stück beginnt nun im „Schauraum“, dem fensterlosen Nebenraum des Zentralsaals. Hölderlin wird – sich heftig wehrend – von der Security in den Turm verbracht, auf eine hölzerne Stellage, einem Hochsitz gleich, wie er auch in dem ganz anderen Stück "Ein Zeichen sind wir", das seinerzeit in der Stadthalle aufgeführt worden war, auf einer Leiter gesessen hatte. Von dort aus beleuchtet das Stück seine Lebensgeschichte, inneren Bilder und Impulse wie auch seine Dichtung. Hoch oben im Schauraum runzelt Hölderlin die meiste Zeit verstört die Stirn, denkt angestrengt nach. Er schaut herab, beobachtet, schreibt, lacht, wendet sich dann wieder verzweifelt ab. Zunächst bleibt er in seine Verletzungen, Enttäuschungen und sein Leid eingesponnen, reagiert aber auch zunehmend auf wortlose Aktivitäten unten. Denn dort unten haben von Anbeginn an drei Gestalten als schemenhafte Kokons reglos und in halbtrübem Zellophan eingewickelt gekauert (Klaus Nägele, Meike Müller, Ulrich Eggert). Nun regen sich diese Figuren, die wohl innere Vorgänge in Hölderlin aufzeigen. Die Wesen brechen durch ihre Zellophanhüllen und Hölderlin steigt hin und wieder zu ihnen herab. Allmählich entfalten sich Traumata und Regressionen und schließlich Begegnungen mit seiner Geliebten Susette. Sie treffen sich leidenschaftlich, ein Mal im Monat, doch es wiederholen sich immer wieder dieselben Muster. Die beiden sind zunächst voneinander hingerissen, dann hin und her gerissen. Susettes überschwänglich freudige, hormongeladene Begrüßung beginnt stets mit: „Hej da! (was „Hallo!“ heißt, aber ebenso „Tschüss!“, eine Begrüßung also, die bereits den Abschied inne hat) - Da bist Du ja!". Dann aber folgt stereotyp: "Ich kann das nicht einfach so aufgeben! Du bist ja so was von verrückt! Was glaubst Du eigentlich! Ich weiß nicht, was ich machen soll! Wart! Nimm mich! Bis zum nächsten Mal!“ Schließlich muss Hölderlin auch den frühen Tod der Geliebten noch ein Mal durchleben.

Die enttäuschte, leidvolle Liebe Hölderlins zu der bereits - unglücklich - verheiraten Susette Gontard und deren Tod spielt eine zentrale Rolle. Hölderlin sieht sie als Idealfrau, ja als sein vorherbestimmtes Gegenstück. Mehr noch, er überhöht sie zu einem himmlischen Wesen namens Diotima. Ein Bündel von Verletzungen und Kränkungen, vor allem aber die unerfüllte Liebe zu Susette werfen ihn aus der Bahn und letztlich für die Hälfte seines Lebens, für 36 Jahre, in den Turm. Eine mindestens genauso große Rolle spielt die Mann-Frau-Beziehung allgemein, die seine Mutter mit einbezieht.

Die Initiatoren wollen zeigen, „was in unserer Zeit Not tut, damit Menschen in ihre wirkliche (Liebes)Kraft kommen“. Somit schält sich („Im Zorne reinigt aber / Sich der Gefesselte nun“) langsam aber sicher ein Ausweg aus dem Turm heraus, der von uns gegangen werden kann. Wiederholt Hölderlin zunächst noch hilflos agitiert den Paradesatz „seiner“ Susette: "Ich weiß nicht was ich machen soll! Ich weiß nicht was ich machen soll!", so gerät er schließlich aus dieser Verzweiflung heraus in einen „reinigenden Zorn“. Mannhaft kann er danach seinen erlittenen Erniedrigungen, Kränkungen und Einengungen durch Herzog Carl Eugen („Schlag Dir Deine revolutionären Flausen aus dem Kopf!“), seine Mutter („Gell, mei Buale, du wirschd Pfarrer! Und wenn Du net pariersch kannsch dir dei Erbe sonschd wo na stecka!“), Goethe („Eieieiei, ein schwäbisches Provinzdichterlein will sich messen mit Schiller - oder mir!“) und der tragischen Beziehung zu Susette („Und von was sollen wir denn leben? Ich weiß nicht, was ich machen soll!“) begegnen. Was schlussendlich gelingt: Hölderlin kann sich entspinnen, aus seiner Rückwärtsgewandtheit zu sich selbst und nach vorne finden. Aus dem Wahn wird Sinn. Während der historische Hölderlin bis zu seinem Tod im Turm verblieben ist, kann der Hölderlin des Stücks seinen Turm verlassen! Nun scheint er - wieder angetan mit seinem ureigenen Gehrock - in der Lage zu sein, seine enormen Potenziale zu nutzen, die überwältigende Energie seiner persönlichen manischen Aussage zu bündeln, sie in konstruktive Bahnen zu lenken und in angemessene, wohltuende Schritte seines Lebens zu integrieren. Unter diesen Voraussetzungen trifft er auf Diotima als eine erfüllende Liebes-Meisterin. Die sich ihm ohne Zerrissenheit und ohne Einschränkungen zuwendet, aber auch selbstbewusst und mit lauten und bestimmten, hallenden Schritten ihren Weg geht. Und einen Hölderlin zurück lässt, der gelernt hat, ebenso liebevoll und selbstbewusst zu werden.

Video-Einblicke in das Stück bei YouTube


 


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