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  Kultur
 
Maiensingen - 4.4.2009
Offener Brief von Reinmar Wipper an OB Heirich

 

Dienstag, 24. März 2009

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Heirich,

ganz herzlich möchte ich mich bedanken für Ihre informativen Zeilen aus Anlass meines unverhofften Ausscheidens als Nachfolger von Karl Schmid und Heinrich Mauch im Amt des Moderators beim jährlichen Maiensingen. In den Dank eingeschlossen sind die beiden Fläschlein, aus denen Sie mir sozusagen reinen Wein einschenken. Es ist gut und erleichternd, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat und wo man dran ist.

Ihr Schreiben kam gerade rechtzeitig. Nicht nur meine Freunde flüsterten mir zu, es sei keine Art, für den 20. Januar zur Vorbereitungssitzung des diesjährigen Maientags einzuladen, mit bereits zum Jahreswechsel fest umrissenen Vorstellungen einer Neuordnung des Festes in diversen Belangen, und mich nicht wenigstens darüber in Kenntnis zu setzen, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Schon bei Shakespeare habe man ja dem Mohren wenigstens gesagt, dass er gehen kann. Indessen ist die Spannung solcher Zweifel nun gelöst: Im Nürtinger Rathaus hat alles seine Art. Dankbar sitze ich nun beim ersten Achtele Ihrer freundlichen Gabe - einem Roten aus Neuffen; den Weißen nehme ich für eine Gorgonzolasoße oder eine Heckschnärre au Vin - und komme erneut ins Sinnieren.

Aber fort mit den unschönen Gedanken, Ihre Entscheidung diene nicht etwa einer Verschlankung der Maienfestliturgie, sie sei möglicherweise eine Retour auf unbotmäßige Äußerungen, die mir ab und an aus meinem - ich sehe es reumütig - vorlauten Mundwerk entfahren. Ist mir doch schon unmittelbar nach Ihrem Amtsantritt in anderer Sache die Ehre einer Abmahnung widerfahren, in

der Sie mir verdeutlicht haben, wie man mit seinen Mitmenschen ordentlich umgeht. Heute kann ich Sie aufrichtig darauf verweisen, dass ich seit Ihrem mahnenden Wort in den Spalten der Nürtinger Zeitung nie etwas anderes ausgebreitet habe als Fakten, sowie mein bestes Wissen dazu. Und sonst nichts.

Nun rinnt das zweite Achtele durch die Gurgel, und mein schwäbischer Hang zum Grübeln schafft sich Bahn. Nach 13 Jahren aktiver Festzugsgestaltung als Schüler, und seit 35 Jahren Maientagsvorbereitungen als Lehrer kenne ich die Herausforderungen der Maientagsaufgaben wenigstens so gut wie ihr Stabsteam. Kollegen die keine gewachsene Bindung zum Maienfest haben, fehlt außerdem die Maientagslust. Die ist erblich. Deswegen werden die von Ihnen angeordneten Änderungen für viele keine Erleichterung darstellen und auf wenig Gegenliebe stoßen. Wie wichtig muss es Ihnen also gewesen sein, diese zukunftssichernden Änderungen dennoch zu veranlassen, und mich sozusagen vom Spielfeld zu nehmen, obwohl manche Ersatzspieler nur keuchend die Stiefel schnüren!

Natürlich gibt es einige Zampani unter meinen Musikerkollegen, die mich als Rampensau überbieten. Ich kenne jedoch keinen, der beim Maiensingen eben mehr als diese Rolle spielen kann, weil ihm zu Nürtingen nichts einfällt, besser, nicht mehr einfallen kann als das, was man sieht. So haben drei meiner Musik-Kollegen der Gymnasien noch nie in Nürtingen gelebt. Zum Wohnen fahren sie nach Neuffen und Beuren. Dieses Los teilen sie mit manch anderem, der hier nur seinen Dienst tut.

Nicht von ungefähr führen Sie eine Moderation durch die Grund- und Hauptschulen unter „gegebenenfalls“ auf. Dort reißt sich in der Tat niemand um diese Aufgabe, wie mir in kleinen freundlichen Akten der Solidarität unter Kollegen bereits versichert wurde. Seit Jahrzehnten war übrigens „Mr. Maientag“ kein Conférencier. Eher ein väterlicher Freund der Kinder und Familien, ähnlich dem Gute-Nacht-Lied-Onkel des früheren SDR. Und so wird es nicht verwundern dürfen, wenn die nunmehr jährlich wechselnden Moderatoren nicht mehr tun können als ein Nummerngirl tut: Nummer ansagen, Nummer absagen.

Damit aber wäre der Verschlankung ein hohes Opfer gebracht, weil beim Maiensingen eben nie nur das angesagt wurde, was ohnehin auf dem Programmzettel stand. Im Maiensingen ist seit jeher den Nürtingern ihr Fest angesagt und ein Zeichen ihrer Identität gegeben worden, das voller Erinnerungen im Herzen ruht - derer, die eines haben, eines von hier, oder eines, das zu einem hiesigen geworden ist: Siehe ich verkündige euch eine große Freude - heute ist Maientag! Dafür sind Fassanstich und andere Volksfestrituale kein Ersatz.

Schließlich hoffe ich, dass es meinem Freund Nauendorf erspart bleiben möge, mir ähnlich, zum Opfer Ihrer Weitsicht zu werden, wonach die „Nürtinger Schulen künftig mehr am Maientagsgeschehen zu beteiligen“ seien. Denn auch die Festwiesenaktivitäten mit Ball, Fuß und Kletterbaum könnten analog zum Maiensingen von einem Lehrer oder einer Lehrerin der Fachschaften Sport geleitet werden. Indessen bin ich mir nahezu sicher, dass Ihre Sense nicht so weit schneiden sollte. Ihr befreiender Schnitt war einzig für mich bemessen, sozusagen minimal-invasiv.

Bald sehe ich dem Neuffener Roten auf den Grund und muss Acht geben, nicht unkontrolliert ins Schwärmen zu geraten. Ich danke Ihnen für die Jahr für Jahr mehr spürbare Sorge um den Fortbestand der Nürtinger Traditionen und Werte. Unter solchem Fürsten ist gut leben!

Am meisten aber freut mich, dass Sie mein Entlassungspapier samt Präsent solange hinaus gezögert haben, bis ich echt in Rente bin, seit kurzem erst: Nun muss ich die beiden Fläschlein nicht meiner Schulleiterin abgeben. Kuhl! Und so hebe ich mein Glas und freue mich, wie Sie schreiben „auf´s Wiedersehn beim Maisingen sowie am Maientag“. Mal sehen.

Mit freundlichen Grüßen,

PS:

Es heißt übrigens „Maiensingen“, nicht „Maisingen“. Es geht nämlich nicht um den Monat Mai, sondern um die frischen Triebe des Frühlings, die zu alter Zeit im Alemannischen „Maien“ genannt wurden. Insofern tut eine Verlegung des Festes in den Monat Juni seinem Inhalt nicht weh, solange man sich vor dem 21. Tag desselben bewegt. Vor dem 21 März sollte es freilich auch nicht gefeiert werden, obwohl ein Tag der Kuhlness in dieser Stadt neuerdings auch nicht ganz verkehrt wäre. Ein Art Schlotter-, Fröstel- oder Schnattertag. Um Ihnen die Sache mit den Maien deutlich zu machen, lege ich Ihnen die Kopie eines Fotos bei, das ungefähr zum Zeitpunkt Ihrer Geburt gemacht worden ist. Es zeigt Kinder der Klasse 1a aus der einstigen Hölderlinschule. Mein Klassenzimmer war über dem früheren Wohnzimmer der Frau Gok. Unseren Lehrer Karl Buchmann, einen Nebenerwerbslandwirt, sieht man nicht. Wir Buben tragen weiße Kleider und unsere Maien: Stangen oder Kränze aus frisch geschnittenem Holz, mit Blumengewinden daran. Das haben damals noch die Väter für ihre Buben geschnitten, am Vorabend, damit die Blumen nicht so schnell welk werden. Mein Vater, Oberschwabe mit anderen Feelings als die der evangelischen Neckarschwaben, schwer gehbehindert überdies, ließ es sich nicht nehmen, mich und sich auf den Galgenberg zu schleppen, um dort Maien zu schneiden. Obwohl der Opa angeboten hatte, ihm das abzunehmen. Für seinen Buben, am ersten Maientag, müsse er das selber tun, hat mein Vater gesagt. Die Grabsteine der beiden Männer stehen schon nicht mehr auf dem Waldfriedhof. Aber vielleicht können Sie in etwa verstehen, warum ich die letzten drei Jahre bei meiner Begrüßung immer gewaltig schlucken musste, um meine ersten Worte nicht mit einem Schluchzer zu starten. An solchen Sentimentalitäten wird sich nach Ihrem Schnitt allerdings niemand mehr verschlucken.

Mitten auf dem Foto sieht man mich, ganz rechts, mit frechem Mund und großen Ohren. Beide Organe tun bis heute ihren Dienst, besser denn je, möchte ich meinen. Links hinter mir mein Freund und Nebensitzer Pit, bürgerlich Franz-Peter Horch, der neue Eigentümer der Marktapotheke. Neben ihm Mecki Mergenthaler, der heute die Auslandsgeschäfte einer Weltfirma im Aichtal bestellt. Berndt Heller ist leider verdeckt. Der Festzug bewegt sich zwischen dieser Apotheke und dem heutigen Amtszimmer des Oberbürgermeisters. Pit wohnte übrigens zwei Häuser vorher in der Marktstraße, ich zwei Häuser weiter in der Apothekerstraße - übrigens auch Dieter Braunmüller, der als Zweitklässler im Festzug etwas weiter hinten zu laufen hatte, weil er schon in der nächsten Klasse war.

Schade eigentlich, dass ich Ihnen von der Stadt, die Sie so routiniert regieren, nicht noch mehr Geheimnisse verraten kann. Und, siehste wohl, jetzt ist das Fläschlein leer, die Seele baumelt, und das Maiensingen, dem Sie bitte seinen originären Namen lassen wollen, ist hoffentlich nicht so verschifft wie letztes Jahr.

RW


 


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