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  Kultur
 
Kulturforum Nürtingen - Teil der Fethullah Gülen-Bewegung? - 12.6.2010
Freundliche aber intransparente Dialogpartner

 

(th) Das Kulturforum ist ein Verein überwiegend türkischstämmiger Mitbürger, der vor allem als Träger des Lerntreffs, in dem Nachhilfe angeboten wird, und Organisator von verschiedenen Aktionen, wie dem islamischen Opferfest, bei dem er in diesem Jahr mit dem Verein Süddialog kooperierte, bekannt ist. Wir hatten uns im März mit dem seit Beginn des Jahres amtierenden Vorsitzenden des Kulturforums, Mehmet Yorulmaz, in den Räumen des Lerntreffs verabredet. Wir trafen vor Herrn Yorulmaz ein und wurden von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter des Lerntreffs und einer jungen Frau begrüßt. Während wir im Büro des Kulturforums warteten, konnten wir die deutschen Ordnerrücken studieren und türkischen Telefongesprächen lauschen. Im Flur des Lerntreffs hing eine Pinnwand mit türkischsprachigen Zeitungsausschnitten und Fotos von Aktivitäten des Lerntreffs bzw. des Kulturforums. Herr Yorulmaz erläuterte, dass das Kulturforum gegründet wurde, weil die Ideen für dessen Aktivitäten von bestehenden Vereinen in Nürtingen nicht aufgegriffen wurden. Die Unterrichtssprache bei dem Nachhilfeangebot des Lerntreffs sei Deutsch und es gebe keinen Koranunterrichtet. Den Koran sollten die Leute zu Hause lesen. Dennoch waren im Flur des Lerntreffs auch Schaubilder von Kindern mit türkischen Texten, die sich offenbar mit Allah beschäftigten, zu sehen. Das Nachhilfeangebot werde finanziert durch die Schülerinnen und Schüler, die es in Anspruch nehmen und dafür z.B. 90 € für 16 Einheiten bezahlen. Wenn einmal weniger zahlende NachhilfeschülerInnen angemeldet sind, trage der Verein die Kosten für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur wie Miete und Lohnkosten.

Ende Februar hatte das Nürtinger Kulturforum wieder zusammen mit dem Verein Süddialog aus Reutlingen, der sich zu den Ideen von Fethullah Gülen bekennt, zu einem Dialog-Dinner in der Stadthalle eingeladen. Auch von Kulturforum wird gesagt, dass es zur Fethullah Gülen-Bewegung gehöre, was von seinen Vertretern mehr oder weniger entschieden zurückgewiesen wird. So bezeichnete Mehmet Yorulmaz uns gegenüber Fethullah Gülen als einen islamischen Autor, der möglicherweise einzelne Initiatoren des Kulturforums motiviert hat. In Geislingen, wo Herr Yorulmaz einen interkulturellen Treffpunkt einrichten will, hieß es hingegen in der Zeitung, dass er bestätigt habe, selbst den Ideen des islamischen Autors nahezustehen. Aber was ist überhaupt die sogenannte Fethullah Gülen-Bewegung? Eine Bewegung ist eine unorganisierte Verbindung von Institutionen, die diesen eher von außen auf Grund von gemeinsamen Zielen und informellen Verbindungen zugewiesen wird, man denke nur an die Umweltbewegung der späten 70er Jahre. So kann eine betroffene Institution eigentlich eine Zugehörigkeit zu einer Bewegung gar nicht dementieren, da es keine formelle Mitgliedschaft gibt und die Zugehörigkeit von außen definiert wird.

Fethullah Gülen
Fethullah Gülen wurde in den 40er Jahren in der Türkei geboren. Dort wurde er zum Imam ausgebildet und hat durch seine Predigten in den 70er-Jahren eine eigene Anhängerschaft aufgebaut. Fethullah Gülen sieht als Schlüssel zur Überwindung des Niedergangs der Türkei zu neuer Stärke eine sehr gute Bildung. Daher ist für ihn ein guter Muslim nicht nur jemand, der häufig in die Moschee geht, sondern sich auch für eine gute Bildung einsetzt. Fethullah Gülen baute in der Türkei ein Bildungssystem auf, das von dieser Vision getragen wird. Als nach 1989 der Ostblock zusammenbrach, wurde diese Arbeit in die GUS-Staaten und schließlich auch darüber hinaus ausgedehnt. Fethullah Gülen emigrierte 1999 angeblich aus gesundheitlichen Gründen in die USA. Zugleich war aber auch eine Kassette aufgetaucht, auf der er angeblich zur Unterwanderung des türkischen Staates aufrief.

Da eine gute Bildung für den Einzelnen zu besser qualifizierten Berufen in höheren Positionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Justiz et c. führt, entwickelte und vergrößerte sich das Netzwerk von Personen und Institutionen zunehmend, die die Vision des Aufstiegs vorantreiben wollen. Diese unterstützen sich gegenseitig, stärken damit die emotionale Verbindung zu den Idealen und sie unterstützen im Sinne des muslimischen Gebotes Almosen zu geben wiederum die Bildungsarbeit. Dadurch können die Kosten reduziert werden, es wird ermöglicht Kinder aus mittellosen Familien zu unterstützen, Studienstipendien zu vergeben und Stellen mit entsprechenden Personen zu besetzen. Andererseits fördern die Personen und Institutionen das Ziel des Aufstiegs auch in ihrem jeweiligen Tätigkeitsbereich z.B. durch die Werbung für die der Bewegung nahestehenden Institutionen als integrative Einrichtungen wie zum Beispiel bei dem Dialog-Dinner. Solche Aktivitäten dienen darüber hinaus der Werbung für die Bewegung innerhalb der türkisch-islamischen Bevölkerungsgruppen, indem damit gezeigt wird, wie anerkannt man ist, wenn auch der Oberbürgermeister und die Vertreter der christlichen Kirchen an solchen Veranstaltungen teilnehmen.

Ein gut organisiertes Netzwerk ist an sich natürlich nichts verwerfliches, entscheidend ist die Antwort auf die Frage, welche Ziele eine Bewegung hat. Die Menschenrechtlerin Serap Cileli weist in einem Gespräch mit dem Bayernkurier darauf hin, dass in Gülen-Schulen die türkisch-islamische Synthese verbreitet werde, und befürchtet, dass ein Leben nach den Regeln der Scharia angestrebt wird.

Türkisch-Islamische Synthese
Die Türkisch-Islamische Synthese ist die Ideologie der türkischen Rechten. Wie Burhan Kesici in seiner Studienarbeit erläutert, definiert sie die türkische Identität einerseits nach der Abstammung von den vorislamischen türkischen Nomadenvölkern, aus der gar ein türkischer Typus des Körperbaus abgeleitet wird. Mit der islamischen Religion wird andererseits die Besonderheit der Türken begründet. Die meisten türkischen Völker hätten den Islam nämlich nicht als besiegte sondern als Sieger über die muslimisch-arabischen Heere angenommen, woraus die Türkisch-Islamische Synthese einen Führungsanspruch in der islamischen Welt ableitet. Andererseits seien die türkischen Völker, die den Islam nicht angenommen haben, in anderen Kulturen unter- bzw. aufgegangen, womit wiederum die besondere Bedeutung des Islam für die türkische Identität begründet wird. Die Türkisch-Islamische Synthese strebt eine nationale Einheit ohne ideologische Differenzen durch eine homogene „Soziale Gesellschaft“ im Gegensatz zu einer kosmopolitischen Gesellschaft an. Dafür sollen Türken nur untereinander heiraten und so das nationale Bewusstsein stärken. Wer seine Interessen außerhalb dieser Gesellschaft sieht, soll ausgeschlossen werden, ebenso wie diejenigen, die sich zum Nachteil der Gesellschaft Vorteile verschaffen. Dr. Kemal Bozay (am 24. Juni in Nürtingen) weist darauf hin, dasss sich auf diese faschistisch orientierte Ideologie politische Parteien von den rechtsextrem-nationalistischen Grauen Wölfen der MHP (Milliyetci Hareket Partisi – Partei der Nationalen Bewegung) bis hin zu national-konservativen und islamischen Parteien wie die zur Zeit regierende AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi - Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) von Ministerpräsident Erdogan stützen.

Serap Cileli mahnt, Gleichgültigkeit und Unwissenheit der Deutschen über die Gülen-Bewegung werde zu fatalen Folgen führen. Die Organisation sei sehr verschachtelt. Es sei sehr wichtig, sich mit ihr gründlich zu beschäftigen und die Ziele des Netzwerks nicht zu unterschätzen. Man wisse nicht genau, was in den Bildungszentren passiert, das sei eine verschlossene Welt. Inwiefern die Behauptungen über Gülen der Wahrheit entsprechen, bleibe in absehbarer Zeit im Verborgenen. Belastbare Erkenntnisse über Gülen-Schulen lägen laut Verfassungsschutz aber nicht vor.“


 


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