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  Kultur
 
Eine Religionsgemenschaft stellt sich vor: Die Aleviten - 20.10.2010

 

(si) Gut 70 Zuhörer hatten sich am Abend des 15. Oktober im Haus der Alevitischen Gemeinde Nürtingen eingefunden. Alle Plätze waren belegt, einzelne Zuhörer standen. Das Interesse am Vortrag von Ali Erlan Toprak, dem 2. Vorsitzenden der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, in dem er die Lebens- und Glaubensgemeinschaft der Aleviten vorstellte, war groß, das Publikum gemischt. Der Vortragsraum war funktional eingerichtet, der Anblick mehrerer gemalter Porträts überraschte im Gemeindehaus einer Religionsgemeinschaft, die oft zum sunnitischen Islam gezählt wird.
Zu Beginn der Veranstaltung, deren Mitveranstalter das Ev. Bildungswerk war, begrüßte Frau Arslan, Mitglied des Vorstands der Nürtinger Aleviten, die Zuhörer. Sie erzählte in wenigen Worten, wie die Nürtinger Gemeinde 2008 aus dem Zusammenschluss der Wendlinger und Kirchheimer Gemeinden entstanden war, nachdem sich in Nürtingen die Möglichkeit geboten hatte, das jetzige Gemeindehaus von der Stadt Nürtingen zu erwerben. Sie berichtete dass die Gemeinde derzeit 155 Mitglieder habe, vergangenes Jahr seien es noch 80 gewesen. Die Alevitische Gemeinde Nürtingen sei u.a. Mitglied beim Internationalen Koordinierungskreis Nürtingen (IKN).

Herr Toprak stellte sich zu Beginn seines Vortrags kurz vor. Er sei seit 4 Jahren im Vorstand der Alevitischen Gemeinde in Deutschland e.V., sei dort u.a. für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Außerdem sei er Generalsekretär der Föderation der Aleviten-Gemeinden in Europa e.V. (AABF), Teilnehmer der bundesweiten Islamkonferenz und auch zum Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin eingeladen.

Aleviten und Muslime

Die Aleviten in Deutschland, berichtete Herr Toprak, gälten als besonders gut integriert und dienten oft als Beweis dafür, dass Muslime integrierbar seien. Doch sei diese Beweisführung schwierig, da sich Aleviten grundsätzlich von islamischen Glaubensrichtungen wie Sunniten und Schiiten unterschieden und sich viele Aleviten gar nicht als Muslime verstünden.
Das Alevitentum befinde sich derzeit in einem Selbstfindungsprozess, da die Aleviten ihre Religion erst frei ausüben und erforschen konnten, nachdem sie die Türkei verlassen hatten. Über Jahrhunderte seien die Traditionen nur mündlich überliefert worden, aus Angst vor Verfolgung. Die Glaubensinhalte müssten jetzt erst wieder rekonstruiert werden, wodurch die einzelnen alevitischen Gemeinden sehr unterschiedlich seien.
Vor etwa 20 Jahren sei in Deutschland die erste Organisation von Aleviten gegründet worden und von Deutschland aus sei eine Reaktivierung alevitischer Gemeinden in der Türkei angestoßen worden.
In Deutschland gebe es ca. 800000 Aleviten, was einem Drittel der türkisch-stämmigen Migranten entspricht. In der Türkei schätze man die Anzahl der Aleviten auf 15-20 Mio. Genaue Zahlen gebe es aber nicht, da die Aleviten in der Türkei weiterhin unterdrückt würden. Die türkische Regierung strebe die Schaffung eines homogenen Außenbildes an, nach dem 99% der Türken Muslime seien, was nicht der Realität entspreche.
Für die Aleviten in Deutschland sei die einzige legitime Handlungsanweisung das deutsche Grundgesetz. Die Aleviten seien der einzige „islamische“ Verband, der in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannt sei. In der Türkei werde ihnen die Anerkennung bisher versagt. Sie lehnten Rassismus sowie jede Form von Diskriminierung kategorisch ab. Auch Mann und Frau gälten als gleichberechtigt. Die alevitische Religion stelle keinen universellen Anspruch, missioniere auch nicht, sondern trete für den Respekt aller religiösen Bekenntnisse ein.

Gesellschaftliches Engagement und Selbstkritik als Bedingung für Akzeptanz

Herr Toprak betonte, wie wichtig gesellschaftliches Engagement sei. Durch die Übernahme von Pflichten erwerbe man sich Rechte. Es sei wichtig, eigene Normen und Werte kritisch zu betrachten und dann gemeinsam um gemeinsame Werte zu streiten. Als Beispiel für das gesellschaftliche und politische Engagement der Aleviten nannte Herr Toprak verschiedene Aleviten, die als Abgeordnete in Kommunal- bis Bundesparlamenten sitzen. Er berichtete auch von alevitischem Religionsunterricht unter Aufsicht der Schulämter, die in 6 Bundesländern von examinierten Lehrern erteilt werde.
Darüberhinaus sei der „Bund der alevitischen Jugendlichen“ mit ca. 33000 Mitgliedern die größte Jugendmigrantenorganisation in Deutschland, die u.a. eng mit dem Evangelischen Bildungswerk zusammenarbeite. Der Bund fördere die Bildung von Jugendlichen und setze sich gegen die Radikalisierung Jugendlicher ein, Deutscher und Migranten, für die es in puncto Prävention von Radikalisierung keine unerschiedlichen Standards geben dürfe. Es sei wichtig, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund früh lernten, sich mit deutschen Institutionen zu identifizieren.
Herr Toprak kritisierte die Einstellung vieler Deutscher, die durch ihr Verhalten die Erwartung an Migranten ausdrückten: „Passt euch an, aber bleibt Ausländer.“ Er argumentierte dagegen, dass, wenn man Menschen wie Ausländer behandele, sie auch Ausländer blieben. Gleichzeitig wandte er sich scharf gegen die Aussage des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, dass Assimilation ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei“. Herr Toprak wandte dagegen ein: „Wer freiwillige Assimilation als Verbrechen bezeichnet, ist ein Feind der Freiheit.“ Der Feind der Aleviten hingegen sei der Hass.
Insgesamt strebe die Gemeinschaft der Aleviten eine gesamtgesellschaftliche Ausrichtung an, wolle sich nicht mehr nur mit Migranten- bzw. Integrationsthemen beschäftigen. Die Bandbreite der Themen müsse ausgeweitet werden und man müsse auch Probleme von Nicht-Migranten im Blick haben. Die alevitischen Gemeinden sollten zu Integrationszentren ausgebaut werden, die allen Menschen offen stünden. In einer multikulturellen Gesellschaft müsse das Ziel „ein Management der Vielfalt mit einem Maximum an Freiheit und Gleichheit“ sein.

Der Glaube der Aleviten: „Das größte Buch, das es zu lesen gibt, ist der Mensch.“

Zum Abschluss seines Vortrags führte Herr Toprak noch die wichtigsten Grundsätze der Alevitischen Glaubenslehre auf. Das Alevitentum sei eine sehr weltliche Glaubensgemeinschaft und, entgegen landläufiger Meinungen, nicht Teil des Islams, sondern ein eigenständiger Glaube, der sich mit dem Islam arrangiert habe. Da die Aleviten seit langem verfolgt wurden, sei ihre Religion mündlich tradiert, sodass es keine Dogmen gebe und damit auch kein Zwang und kein Druck. Das Alevitentum sei keine Furchtreligion, sondern eine kosmische Liebesreligion mit humanistischer Ausrichtung, die keinen universellen Anspruch erhebe und in deren Zentrum ein pantheistischer Gott stehe. Sie glaubten an ein Universum als Ganzes, in dem alles heilig ist und in dem Gott in allem ist, auch im Menschen. Daher sei auch der Mensch selbst der Erlöser, könne sich durch die Erlangung von Wissen selbst befreien, trage aber dadurch auch Verantwortung.

Im Anschluss wies die Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Nürtingen, Frau Özdemir, auf Veranstaltungen der Alevitischen Gemeinde hin. Jeden Sonntag lade die Gemeinde alle zu einem gemeinsamen Frühstück und Mittagessen sowie Gesprächen ins Gemeindehaus, Hohes Gestade 12 in Nürtingen, ein. Ab 7.12. beginne die alevitische Fastenzeit, die nicht dem islamischen Ramadan entspricht und 12 Tage dauert. Jeden Abend lade die Gemeinde im Gemeindehaus zum gemeinsamen Fastenbrechen ein.

Fragen aus dem Publikum

Frage: Herr Toprak, warum sind Sie, obwohl Sie sich nicht als Muslim bezeichnen, Teilnehmer an der Islamkonferenz?
Herr Toprak: Ich nehme an der Konferenz als Vertreter der Aleviten teil, die sich teilweise als Muslime bezeichnen und die von staatlicher Seite als Muslime gelten. Es bestand außerdem die Befürchtung, dass, wenn die Aleviten nicht an der Konferenz teilnehmen, andere islamische Organisationen, wie z.B. Millî Görüş den Anspruch erheben, auch für die Aleviten zu sprechen.

Frage: Was empfehlen Sie für den Umgang von und mit Migranten in Nürtingen?
Herr Toprak: Sich nach den Grundwerten und -regeln einer Gesellschaft zu richten ist eine Vorbedingung für Akzeptanz und Teilhabe. Religionsfreiheit muss für alle gelten, nicht nur für den Islam. Die islamischen Verbände fordern viel ein, geben aber nichts zurück, haben keinen Respekt.

Frage: Was halten sie von der Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten?
Herr Toprak: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, es wird aber dauern, bis diese Imame tatsächlich akzeptiert werden. Die DITIB (Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) hat bereits angekündigt, weiterhin Imame aus der Türkei zu holen.

Frage: Wie ist die Beziehung der Aleviten in Deutschland zu anderen islamischen Verbänden, v.a. in Nürtingen?
Herr Toprak: Auf Bundesebene beschränke sich der Kontakt auf die Islamkonferenz. Für die islamischen Verbände sind die Aleviten „Ungläubige“, die auf den rechten Weg zurückgeholt werden müssen und nicht respektiert werden.
Frau Özdemir: Die Nürtinger Gemeinde steht auch für Muslime offen, es haben auch schon Muslime an einem Ritual teilgenommen. Ansonsten distanzieren sich die Aleviten in Nürtingen sich stark von den islamischen Gruppierungen und wehren sich gegen Diskriminierungen von dieser Seite.

Frage: Wie denken die Aleviten über den Islam? Ist die Islamisierung eine Gefahr?
Herr Toprak: Die meisten Muslime sind friedlich, teilen die gleichen Werte. Allerdings fürchten auch die Aleviten die Islamisierung, deren Folgen sie in ihrer Geschichte durch Verfolgung erlebt haben. Der Islam muss kritikfähig werden, vor allem auch an sich selbst. Das führt zum Abbau der Ängste in der Bevölkerung. Die Aleviten selbst sehen Religion und Glaube als etwas Privates an.

Frage: Gibt es Priester bei den Aleviten? Wer leitet die Gebete?
Herr Toprak: Es gibt Geistliche, Männer (Dede) und auch (noch zu wenige) Frauen (Ana). Bisher waren sie Angehörige  „heiliger“, geistlicher Familien, Laien ohne Ausbildung, die die Tradition kannten und das Amt an ihre Nachkommen vererbten. Inzwischen gibt es Fortbildungsangebote durch den alevitischen Dachverband. Mittelfristig sei die Einrichtung von Schulen bzw. Lehrstühlen an Hochschulen geplant, die Geistliche ausbilden können. Dabei würden die Aleviten lieber mit evangelischen oder katholischen Lehrstühlen zusammenarbeiten als mit islamischen, da sie eine kritisch-wissenschaftliche Herangehensweise bevorzugen.

Nach Abschluss der Fragerunde wurden die Zuhörer noch zu Essen und Gespräch in einen anderen Teil des Gemeindehauses eingeladen, wo der Abend dann ausklang.

Weitere Informationen:
Radiobeitrag des WDR vom 25.11.2009 über die Gründung der Alevitischen Gemeinde Deutschlands


 


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