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Kapitel 4
 

Stuttgart Hauptbahnhof, 4.8.2007, 6 Uhr 19, Gleis 8, Eilzug nach Karlsruhe, Wagen 2, Obergeschoss, 2. Klasse, 4. Sitzreihe:
Zusammengesunken kauerte Robert Gsälzle auf dem schmuddeligen Sitzpolster, mit einer Hand ein kleines Köfferchen auf seinem Schoß umklammernd, einen großen Koffer neben sich auf dem Gang, in der anderen Hand die Reiseunterlagen, die er zunehmend mürrisch durchsah. „Die sind jo net ganz bacha! Mit dem Wochenendticket nach Borkum! Vierzehn Stunden unterwegs...Die Landesregierung muss spare! Ja Heilandsack!“
Zum wiederholten Mal las er den Fahrplanausdruck.“Umsteigen in Bruchsal, Karlsruhe, Koblenz, Köln, Rheine und Emden - und alles nur Regionalzüge!“ Unwillig stopfte er das Papierbündel ins Seitenfach des großen Koffers und starrte übellaunig vor sich hin.
Langsam fielen ihm die müden Augen zu, das spitze Kinn klappte nach unten weg und er glitt in einen unruhigen Schlaf.
Eine Brezel...Er selbst war die Brezel...die Arme schlingenförmig aneinander gebacken.
Und wo waren seine Beine? Außerstande sich zu rühren – verzweifelt bewegungslos...
Panik vor einer nahenden Bedrohung. Da! Zähne schlugen sich in seinen Leib, rissen Teigstücke heraus! Er hob mühsam den Kopf, wollte die Angreifer schreiend verscheuchen, doch bei ihrem Anblick blieb ihm der Schrei in der Kehle stecken: Er sah sich umringt von feixenden, zähnefletschenden und nackten! Gartenzwergen und –zwerginnen, die schamlos mit ihren Genitalien und Brüsten vor ihm herumwedelten und sich an seinem Brezelfleisch gütlich taten.

Mit einem gequälten Stöhnen fuhr er schweißgebadet hoch, als eine nuschelnde Lautsprecherstimme Bruchsal ankündigte. Haltsuchend ergriff er das Köfferchen, welches noch immer auf seinen Knien ruhte. Sein Genick schmerzte.

Nachdem er gut dreißig Minuten später eine Weile benommen im Karlsruher Hauptbahnhof auf der Suche nach Gleis 102 umhergeirrt war, ihn eine mitleidige Mannheimer Matrone unter ihre mütterlichen Fittiche genommen und in den Regionalexpress nach Koblenz bugsiert hatte („Ei, isch hab jo ein Herz für so liebe ältere Herre!“), ließ er sich erschöpft auf einen weiteren fleckigen Sitz sinken. Er achtete nicht auf den Tumult am Bahnsteig, als der Zug nach kurzer Anfahrt mit einem Ruck wieder zum Stehen kam. Es fielen erregte Worte, heraus klang „Landesregierung“, jemand rief „so ein Schissdreck!“, Türen schlugen erneut zu, der Zug setzte sich in Bewegung.
Kurz danach, begleitet von heftigem Keuchen und Flaschengeklirr, wurde die Tür zum Großraumabteil aufgestoßen. Neugierig spähte Gsälzle um seine Rückenlehne herum.
Ein stark untersetzter Kahlköpfiger mit Walross-Schnurrbart ließ seinen glubschäugigen Blick über die Passagiere schweifen und entblödete sich nicht zu rufen: „Ich suche einen Herrn Gsälzle! Robert Gsälzle! Sitzt der hier irgendwo!“ Dabei schnaufte er wie eine in die Jahre gekommene Dampflok. Zaghaft hob Gsälzle die Hand. Er hasste es, Aufmerksamkeit zu erregen. Ein feistes Grinsen zog die wulstigen Lippen des Eindringlings unschön in die Breite und er begann, sich nach allen Seiten entschuldigend, als seine gewaltigen Koffer Füße und Knie beidseitig des Mittelgangs zermalmten, in Gsälzles Richtung vorzustoßen. Zudem schob er ein ungeheures Fass von Bauch vor sich her. Endlich streckte er ihm eine dicke, schweißnasse Hand hin, eine dezente Weinfahne wehte Gsälzle an.
„So, hab ich Sie also gefunden, Sie wissen Bescheid? Mein Name ist Schleckslis, Regierungsinspektor Anton Schleckslis, Regierungspräsidium Freiburg, Weinrechtliche Bestimmungen.“
„Angenehm, Gsälzle, Robert. RegierungsOBERinspektor , RPStuttgart.“
„Oberinspektor?“, wiederholte Schleckslis, „heißt des, Sie sind jetzt der Chef, oder was?“
Durchbohrt von den hervorquellenden Glotzaugen verspürte Gsälzle schleichendes Unbehagen. War er in seiner spontanen Antipathie zu weit gegangen? „Hanoi, des woiß ich auch net, davon hat der Herr Ministerpräsident nichts gesagt...“
„Dann schreie Sie doch hier nit so rum.“ Schleckslis wuchtete schwer atmend einen der Koffer auf die Gepäckablage und setzte sich Gsälzle schräg gegenüber.
Den zweiten Koffer mit dem klirrenden Inhalt ließ er neben sich auf dem Boden stehen.
„Wie ist das eigentlich mit der Fahrkarte?“, fragte er, noch immer atemlos. “Ich habe nämlich nur eine nach Karlsruhe gelöst bekommen.“
„Stellen Sie sich vor“, trompetete Gsälzle aufgebracht und bemerkte nicht, wie Schleckslis zusammenzuckte. „Wir haben nur ein Wochenendticket und sind dreizehneinhalb Stunden unterwegs!“
„Ihr Schwobeseggl mit eurer Sparerei! So ein Schissdreck!“, blubberte Schleckslis, schien sich jedoch nicht weiter darüber aufzuregen, sondern öffnete zielstrebig den neben ihm geparkten Koffer. Zum Vorschein kam ein Karton mit sechs Weinflaschen, an einer davon steckte der Korken bereits lose und machte mit einem leisen „Plopp!“ den Weg frei.
Angewidert beobachtete Gsälzle, wie sich die Schlauchbootlippen des Badeners gleich einer Saugglocke um den Flaschenhals schlossen und sich der Inhalt gluckernd in seinen Rachen ergoss, während bei jedem Schluck die ins Leere stierenden Augen weiter hervor traten.
Es war 8 Uhr 32.

Fortsetzung folgt bald...


 


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