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Kapitel 5
 

Möglicherweise wirkten die ausdrucksvollen Segelohren Robert Gsälzles auf den Mitreisenden wie riesige Radioteleskope, die unablässig ins All hinauslauschten, stets empfangsbereit, begierig, Signale außerirdischen Lebens zu erhaschen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Schleckslis’ gelegentliche Bemerkungen („Brezelrezept! Als wenn wir nichts wichtigeres zu tun hätten!“), unterbrochen von häufigem Flaschenkontakt, doch hartnäckig von Gsälzle ignoriert, schwollen allmählich vom schmalen Rinnsal zum plätschernden Bach, dann zum reißenden Strom, der als Wasserfall über dem Schwaben zusammenstürzte, ihn hinwegschwemmte, um ihn endlich am weichen Strand der Insel des Hinwegdämmerns abzuladen. Der Redefluss war in einen eintönigen Rhythmus verfallen, ein fernes Meeresrauschen...

„Ich hätt ja so was schönes vorgehabt, dieses Wochenende!“, schwallte Schleckslis, „Endlich ein Rendezvous mit der Lore. So ein scharfer Käfer!“ „Käfer?“ Gsälzle fuhr  aus seinem Dämmerzustand hoch „Sie interessieren sich für Käfer?“ „Und ob“, schnalzte Schleckslis, „bei so viele schöne Käfer im Land kann man doch nichts anbrenne lasse.“

Gsälzle hatte den letzten Satz schon nicht mehr richtig erfasst, sondern griff nach dem kleinen Köfferchen auf seinem Schoß und klappte es auf. Verblüfft beobachtete Schleckslis, wie sich die hölzerne Mimik des anderen belebte, wie die erstaunlichen Ohren in beinahe unnatürlichem Rot zu leuchten begannen und selbst die freudlosen ockerbraunen Streifen auf Gsälzles Krawatte plötzlich zu tanzen schienen. Doch Unsägliches bot sich dem nunmehr sprachlosen Betrachter dar, als sich sein ungläubiger Blick endlich auf den Kofferinhalt richtete. In Reih und Glied auf weißen Samt gespießt, schillerte in bunter Prachtentfaltung eine Käfersammlung. Schönheit und Sterblichkeit. Vergänglichkeit und Verwesung. Schleckslis begann zu würgen und setzte hastig eine weitere Flasche an die Lippen. „Hier“, dozierte Gsälzle unbarmherzig und zog ein Seitenfach heraus, welches ein zwanzig Zentimeter großes gelblich und braun glänzendes Kerbtier barg, dessen halbe Länge von einem Horn eingenommen wurde, „mein bestes Exemplar, ein Dynastes hercules, den hab ich von der „Wilhelma“ bekommen, als er dort frisch verstorben war. Es war sehr aufwendig, ihn auszuweiden und zu präparieren. Die Eingeweide musste ich...“ „Ich weiß schon, die haben Sie sich aufs Brot geschmiert, damit nichts verkommt, gell?“ Schleckslis wieherte. Gsälzle schnaubte beleidigt. „Noi, ich hab den Darm und die ...“

„Schluss mit dem Schissdreck!“, Schleckslis versuchte erfolglos, ein Rülpsen zu unterdrücken. „Solchi Käfer hab ich vorhin gar nit gmeint“, er deutete mit dem Affentaler Spätburgunder in der Hand nach vorne, wo eine blondbezopfte Zugbegleiterin soeben mit der Fahrkartenkontrolle begonnen hatte. „Das ist ein Käfer nach meinem Geschmack.“ „Sie sollten sich schämen, in Ihrem Alter,“ maulte Gsälzle. “Und überhaupt, sind Sie net verheiratet?“ „Verhiirotet oder nit, des isch der Käferwelt meischtens relativ egal“, gluckste Schleckslis, der, vom Wein beflügelt, zunehmend in seinen oberrheinischen Singsang verfiel.

„Die Fahrkarten bitte.“ Beim Klang der hellen Stimme verzog Schleckslis seinen fleischigen breiten Mund. „Die Bahn setzt auch immer hübscheres Personal ein.“ Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu. Ihr Blick fiel auf den südamerikanischen Riesenkäfer. „Der ein oder andere Fahrgast sieht aber auch ganz gut aus.“ Die beiden Herren taxierten einander voller Missgunst. „Ich habe auch einen Artverwandten in meiner Sammlung“, fuhr sie fort, während sie die Fahrkarten durch die Stempelzange gleiten ließ. „Einen Archon centaurus, allerdings ein Weibchen... soso, Borkum... na, da haben Sie noch eine lange Reise vor sich. Dankeschön!“ Sie wandte sich ab.

Schleckslis sank in sich zusammen und Gsälzle klappte den Koffer zu. „Bitte, dürfte ich...“ sagte er. Der Badener streckte ihm kichernd die Flasche hin. „So ein Schissdreck.“

Fortsetzung folgt


 


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