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Peter Härtling: Der Wanderer
 

In Nürtingen hatte Peter Härtling von Olmütz und Zwettl aus 1946 Zuflucht gefunden. Von dieser Stadt und ihren Bürgern fand er sich – bis auf wenige Ausnahmen – fremd gemacht.

Mit fünfzehn hörte Peter Härtling zum ersten Mal die „Winterreise“ von Wilhelm Müller und Franz Schubert. In Nürtingen. In der vormaligen „Aufbauschule“. Das blieb nicht irgendein Lied, es sollte sein Lied werden, seine Reise, seine Wanderung. Ein frösteln machender Weg zumeist.

„Fremd bin ich eingezogen / fremd zieh ich wieder aus ...“ Den Wanderer dieses Liedes hat Härtling „als Gefährten auf- und mitgenommen“, über ihm „düster vom Staub der Geschichte“ der Abendhimmel. Diese Wanderung sah er auch als „eine an Rätseln reiche Erklärung unseres Zustandes“. Oft musste er selbst „den Weg sich weisen in dieser Dunkelheit“, bei einer Wanderung „oft ohne Ankunft, unterwegs in einer frostigen, auskühlenden Welt“, bei der der Wanderer oft auch auf der Stelle trat.

Eine Wanderung, bei der der überzeugte Pimpf seinem tschechischen Onkel Beppo begegnet, der nach Lidice weinte, dann aber wieder sagte, die Natur, die können sie nicht schänden, das Gras richte sich nach ihren Stiefeltritten wieder auf. Solche Wegmarken werden in ihrer Intensität mitunter später erst bewusst. Zunächst marschierte er weiter mit „der Bewegung“, wählte den Takt seiner Schritte so, dass er dem zum fremden Unmenschen gemachten Jungen mit dem gelben Stern nicht begegnen musste.

In dem Buch stellt Härtling auch die Wege andere Wanderer vor, einer, Walter Benjamin, sucht ein wichtiges Manuskript über die Berge in Sicherheit vor den Nazis zu bringen. Dazu begegnen ihm immer wieder nach innen sich wendende Kopfwanderer, Schubert, Hölderlin, Mörike, Texte, denen „die zweite Schrift unterlegt ist“, dem der sie zu lesen vermag.

Über die Literatur führte Härtlings Wanderung zu den beheimatenden Nürtingern Hildegard und Fritz Ruoff, dem Maler, der sich dem Jugendlichen als nicht weniger von Nürtingen fremd erschloss, wenngleich er Nürtingen nie längere Zeit verlassen hatte, an deren Enge Härtling sich „wütend rieb“ – auch heute noch.

Da gab es aber auch „Die Freunde“, gleichdenkende Künstlerkollegen, die sich nicht hatten gleichschalten lassen. Fremd fühlten auch sie sich angesichts einer „sich rasch wandelnden von den einstigen Tätern und Mitläufern korrumpierten Gesellschaft“. Trotz alledem gaben sie nicht auf, „pflockten hartnäckig Erinnerungsbilder in den Treibsand“. Härtling beschenkten sie damit, die mörderischen Parolen nach und nach reflektierend zu durchschauen, und jene, die ihm als Unmenschen geschildert worden waren, zu verstehen. Kavernen braunen Unrats galt es zu säubern, begleitet von schmerzenden Geburtswehen.

Depressionen und erlittener Nazi-Haft zum Trotz ließ Ruoff Härtling anfangs „geduldig gegen diese Wahrheit anrennen“. Fritz Ruoff hatte die Größe, dessen Schmerz zu verstehen „und verachtete umso grimmiger seinen Grund“. So verhalf er, sanfter Geburtshelfer, dazu, die Wirklichkeit „der Freunde“ zur Wirklichkeit Härtlings werden zu lassen. Die Kenntnis der Leidenswege von Werner Gross, Karl Gerber und Eugen Maier tat ihr übriges. Und der Wanderer verlor hinfort diesen seinen Stern nie aus dem Blick.

Sehr empfehlenswert für alle Suchende nach dem Stern, der sich oft erst durch die Erfahrung der Nacht erschließt. „Komm! ins Offene, Freund“

Im Anhang die von Franz Schubert vertonten Gedichte von Wilhelm Müller (Die Winterreise).

Peter Härtling: Der Wanderer. Darmstadt (Luchterhand) 1988, ISBN: 3630866743. Auch im Großdruck erhältlich (dtv), 176 Seiten, ISBN 978-3-423-25197-6

In der Stadtbücherei unter: Lit 257 Haer

Dort auch als Hörbuch, unter: Hörbuch Haer

Manuel Werner
 


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