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Thomas Stöckle: Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland
 

In Nürtingen erfährt man auf Nachfragen nach dem Schicksal des „Eberhardle“, der sei „de Kamin nauf!“ ... Wenn man nachforscht, endete er in Grafeneck auf der Münsinger Alb. Wer sich über die Nazi-Mordanstalt Grafeneck genauer informieren möchte, dem sei dieses Buch aus dem Silberburg-Verlag empfohlen.

Wenn Thomas Stöckle der Verfasser eines Buches über Grafeneck ist, wie es hier der Fall ist, dann kann nichts schief gehen. Seine Kompetenz hierfür hat der Historiker und Leiter der Gedenkstätte Grafeneck bereits in früheren Veröffentlichungen unter Beweis gestellt.
In dem gut bebilderten Paperback-Buch schildert Thomas Stöckle ausführlich und kompetent die Hintergründe der Euthanasie-Morde an geistig Behinderten und seelisch Kranken, Langzeit-Patienten oder „nichtarischen“ Anstalts-Insassen durch die Nazis in Grafeneck zwischen Münsingen und Buttenhausen, stellt dar, wie die Entwicklung vom Samariterstift zur NS-Vernichtungsanstalt erfolgte. Zwischen Januar und Dezember 1940 ermordeten Ärzte, SS-Leute und „Pfleger“ dort zwischen 10500 und 11000 Menschen. Von ihnen so genannte „unnütze Esser“, „seelenlose Wesen“ und „Ballast-Existenzen“, deren sich das NS-Regime wie überflüssigen Ballasts entledigte, Psychiater unterstützten dies ideologisch und tatkräftig. Der Verfasser stellt Opfer der grausamen Vergasungen vor, sehr genau auch die Täter, und verschiedene Reaktionen auf den „Gnadentod“ (Euthanasie). Gekonnt zeigt er die Entwicklungslinie von der Vergasung der Behinderten zu den Vernichtungslagern auf, in denen die europäischen Juden gemordet wurden. Die Täter der Krankenmorde finden sich ab 1941/42 wieder in den Vernichtungslagern des Ostens, in denen Juden, Sinti, Roma, und andere umgebracht wurden. Ein Beispiel: Der Stuttgarter Kriminalkommissar Christian Wirth war Büroleiter in Grafeneck. Und danach Kommandant des Vernichtungslagers Belzec. Und Generalinspekteur der „Aktion Reinhard“. Das letzte Kapitel ist der Gedenkstätte Grafeneck gewidmet.

Einige Stellen des Buches gehen besonders unter die Haut. Da schildert einer der früheren „Pfleger“ den Todeskampf der Todgeweihten. „Man kann nicht sagen, dass die Transporte in Ruhe abgegangen sind“. Manche hätten geschrieen und sich gewehrt. „Eine Kranke rief einmal: Ihr seid meine Mörder!“. Ein Arzt aus Winnenden schrieb „Als sie in die Transportautos verladen waren verstummten sie plötzlich. Was das Transportpersonal in den Autos mit ihnen gemacht hat, weiß ich nicht. ...Ich überlegte mir tatsächlich, ob ich nicht meinen Kranken selbst etwas einspritzen sollte, um sie vor einem barbarischen Tod zu bewahren“. In Grafeneck angekommen, begannen wieder andere, sich im letzten Augenblick zu wehren und schrieen laut. Die Zufuhr des CO-Gases dauerte ganze 20 Minuten, erst dann wurde keine Bewegung mehr festgestellt. „Wir rissen nur unter Luftanhalten die Türe auf und entfernten uns sofort von ihr. Außerdem wurde ... die Ventilation eingeschaltet“. Auch andere Stellen des Buches blieben mir in besonderer Erinnerung: Theodor K., 1904 – 1940, aus Göppingen hatte in einen Keks das Wort Mörder eingeritzt. Man fand ihn in seinem Nachlass. In einem Fall wurde den Verwandten als Todesursache Blinddarmentzündung mitgeteilt. Das Opfer hatte aber schon lange keinen Blinddarm mehr gehabt, er war Jahre zuvor entnommen worden. Die umliegende Bevölkerung wusste bald genau, das die Todesbusse Transporte ohne Wiederkehr waren. Heinrich Himmler schrieb im Dezember 1940 an SS-Standartenführer Viktor Brack, den für die Mordaktion in der Kanzlei des „Führers“ Zuständigen: „Wie ich hörte ist auf der Alb wegen der Anstalt Grafeneck eine große Erregung. Die Bevölkerung kennt das graue Auto der SS und glaubt zu wissen, was sich in dem dauernd rauchenden Krematorium abspielt. Was dort geschieht, ist ein Geheimnis, und ist es doch nicht mehr“. Er wies Brack an, entweder Grafeneck zu schließen oder „aufklärende“ Filme über „Erb- und Geisteskranke“ laufen zu lassen. Ab Januar 1941 waren die Grafeneck-Täter dann in der Tötungs-Anstalt im hessischen Hadamar zu Gange, nachdem sie eine letzte Weihnachtsfeier in Grafeneck abgehalten hatten.

Das Buch ist so knapp wie möglich, und so ausführlich und deutlich wie nötig. Allgemeinverständlich und mit Quellentexten schildert es ein grauenhaftes Kapitel deutscher Geschichte, den Tiefpunkt deutscher Psychiatrie. Es stellt fest: Die ersten Vergasungsopfer der Nazis waren psychisch Kranke und geistig Behinderte. Und die Bevölkerung wusste davon.

Manuel Werner

Thomas Stöckle: Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland. Silberburg-Verlag 2002. ISBN 3-87407-507-9

 


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