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Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten.
 

Sieben Erzählungen aus dem reichhaltigen Schatz der Schwarzwälder Dorfgeschichten von Berthold Auerbach hat Herausgeber Rainer Moritz aus insgesamt 23 sensibel ausgewählt und in diesem Band neu präsentiert. Eine davon, "Der Viereckig oder die amerikanische Kiste", ist in unserer Gegend manchen Kennern der Szene mit gutem Gedächtnis vielleicht noch bekannt, weil sie 1989 vom Theater Lindenhof gespielt wurde. Ursprünglich sind die Schwarzwälder Dorfgeschichten in acht Bänden erschienen. Sie zeichnen sich durch Lokalkolorit und Detailtreue aus und verbinden durch den Kontrast zwischen natürlichem Landleben und verbildetem Städtertum Unterhaltung mit einem Schuss Zivilisationskritik.
Ob es sich um „den Tollpatsch“ mit seinem breiten Gesicht, großen blauen Glotzaugen und dem stets offenen Mund handelt, den damals so gut wie jedes Dorf hatte, um das „Tonele“, das ein vom Jäger geschossenes Tier an einem Sonntag lieber noch leben gesehen hätte, oder den „Viereckig“ oder um „feindliche Brüder“, stets werden einzelne „Originale“ aus einer verflossenen Zeit lebendig und für ein breites Publikum beschrieben. Deren Beschreibungen sind in die damals selbstverständliche Sakrallandschaft mit „jüdischem Gottesacker“ und „hölzernem Kruzifix“ eingebettet, in der die Dampflok noch nicht existierte. In ihnen trinken „derbe Mädle Gänsewein“ (= Wasser), essen alle aus einer Schüssel, wird das Hemd selber gesponnen. Auerbach wollte mit diesen Geschichten sowohl idealistisch-bewahrend und doch zugleich gesellschaftskritisch sein. Er wollte damit auch die Welt verbessern, verbleibt aber  – wie manche Kritiker meinen – oft in sentimentaler Gefühlsidylle und Verklärung, die radikale Wendungen und Endungen vermissen lässt. Doch das ist vielleicht zu sehr von heute aus gesehen. Die Schwarzwälder Dorfgeschichten begründeten seinerzeit Auerbachs Ruhm und wurden in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Mit ihnen avancierte er zu einem der meistgelesenen Erzähler der deutschen Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Berthold Auerbach wurde 1812 in Nordstetten bei Horb am Neckar – also im Schwarzwald – als "Moses Baruch Auerbacher" geboren. Er wuchs in armen Verhältnissen in der bäuerlichen Landschaft seines Heimatortes auf, kannte, was er beschrieb, aus eigener Erfahrung. Ursprünglich sollte er Rabbiner werden. Weil er Mitglied der verbotenen  Burschenschaft Germania war, wurde der Radikalliberale zwangsexmatrikuliert und auf den Hohenasperg gesperrt. Sein Versuch, sich 1834 zum Rabbinerexamen anzumelden, scheiterte aufgrund dieser politischen Schikanen. Danach folgten aus Geldnot erste literarische Auftragsarbeiten. Schriftstellerisch  gelang ihm mit seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten der Durchbruch, in denen er „ein ganzes Dorf vom ersten bis zum letzten Hause“ schildert. Dieses Werk war weltweit ein grandioser Erfolg und machte Auerbach schlagartig zum populärsten deutschen Erzähler seiner Zeit. Er gab damit sogar mit Gottfried Keller einer eigenständigen literarischen Gattung innerhalb der Erzählformen den Namen „Dorfgeschichte“ und beeinflusste Autoren wie Balzac, Turgenew und Tolstoi. Das gesamte Werk wurde von Cotta in Stuttgart 1861 gedruckt, wobei erste Veröffentlichungen schon in den 1840er-Jahren erfolgten. Dem zunehmenden Antisemitismus in Deutschland stand der weltberühmte Schriftsteller am Ende seines Lebens verbittert gegenüber und konstatierte: „Es ist eine schwere Aufgabe, ein Deutscher und ein deutscher Schriftsteller zu sein, und noch dazu ein Jude“. Den Spott, dem er als "Judenjunge" in Nordstetten ausgesetzt gewesen war, hatte er durch die "Judenemanzipation" schon lange überwunden gewähnt. Durch körperliche Leiden geschwächt und vom immer stärker werdenden Antisemitismus gekränkt starb er 1882 in Cannes und ist auf dem jüdischen Friedhof in Nordstetten begraben. Seine begonnene Autobiografie, die ich literarisch noch gelungener finde, blieb leider unvollendet.

Der Herausgeber Rainer Moritz, Jahrgang 1958, Leiter des Literaturhauses Hamburg, sieht Auerbach nicht nur als Sozialkritiker und harmlosen Idylliker mit "absurder Bauernverhimmelung" (Hebbel), sondern findet auch "Widerhaken" in den Geschichten, die sich "diesen Klischees entziehen und die Qualität eines bemerkenswerten Erzählers belegen" (Moritz). Sein Nachwort beginnt mit: "Literarischer Nachruhm lässt sich schwer vorhersagen, und was Zeitgenossen für unvergängliche Meisterwerke halten, gerät oft schon bald in den Sog des Vergessens". Einen aus der Riege der bekanntesten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts holt Rainer Moritz, der sympathischerweise in dieser Veröffentlichung seinen Doktortitel weglässt, mit diesem Buch wieder in unsere Zeit und der Leser kann nach der Lektüre über die Gründe des beschriebenen Phänomens nachsinnen.

Gelungen ist auch die Umschlaggestaltung von Uli Gleis.

Manuel Werner

Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz. Tübingen (Silberburg-Verlag) 2008, 204 Seiten, gebunden, 16,90 Euro, ISBN  978-3-87407-796-5

 

 


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