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Die Botin. Das etwas andere Leben der 'Beuremer Elsa'
 

„No war dia jo so domm, die war jo so dumm, d’Elsa, am Wenter isch dia an kalda Ofa nagschdanda, ... hot kein Holz gholad. Hot kei Feir gmacht, selbschd des id, isch halb vrfrora“ „Geistig schon verdreht“ – „So isch halt, wenn d’Leit id send wia andr Leit“. Das erzählen ältere Frauen aus Beuren bei Hechingen, wo die „Elsa vo Beura“, die „Beuremer Elsa“ gelebt hat. Andererseits bemerkt ihr Vormund dazu: Dumm sei die Elsa nicht. Bei näherem Hinsehen fällt die Beurteilung „dumm“ im Zusammenhang mit Alltagshandlungen, die die Elsa anders machte, als von ihr, besonders als Frau, erwartet wurde, oder die sie überhaupt nicht machte: kochen, heizen, waschen, Geld ausgeben, Dinge wegwerfen und neue Kleider anziehen. Elsa selber sagte: „S’ hot nemad dau, wian i“.
Nicht nur in Mössingen und Hechingen erinnert man sich noch gut an die verschrobene Frau mit ihrem schwarzen Mantel, festen, genagelten Schuhen und dem alten Rucksack. Wie sie winters wie sommers unterwegs war. Doch was war sie? Nach Ansicht der Autorin und Kulturwissenschaftlerin Ruth Stützle war sie „Botin“.
Elsa Saile (1910-2004) war in jeder Beziehung eine Grenzgängerin. Fast täglich überschritt sie die Grenze zwischen Hohenzollern und Württemberg, also vom katholischen Beuren in das evangelische Belsen und Mössingen. Und wieder zurück. Doch Elsas Gebiet umfasste darüber hinaus einen großen Teil Hohenzollerns von Haigerloch bis Gammertingen. Ihr Tun und ihr Aussehen war bizarr ungewöhnlich, was sie außerhalb eines einzuordnenden Kontextes stellte - wieder ein Grenzgang - und sie mehr als ein Mal in lebensgefährliche Situationen brachte. Im "Dritten Reich" war sie zwangssterilisiert worden.
Elsa überbrachte nicht nur Botschaften und Neuigkeiten. Sie schleppte auch Gebrauchsgegenstände einer untergehenden bäuerlich-handwerklichen Welt zum Reparieren. Und schleppte sie wieder zurück, auch wenn es auf schmierigem Steig durch den dunklen Wald wieder hinauf ging nach Beuren unter dem Dreifürstenstein. Nebenher las sie den Abfall der Moderne auf - Kassenzettel, Kaugummiverpackungen, Zeitungsfetzen -, beschriftete das Gefundene, das dann jahrelang im Rucksack weilen konnte, sammelte "Kruuscht" und hortete ihn. In weibliche, vorgefertigte Rollenbilder wollte sie sich nicht fügen und blieb zeitlebens am Rande der normalen Gesellschaft. Was sie auch zu spüren bekam: Auf einem zufällig übrig gebliebenen der vielen beschrifteten Kaugummi-Papiere und Zeitungsfetzen steht in ihrer Schrift:

„Am 11 Juni 1980
2 Uhr hat mich die
Küfers Emma in ihrem
Hof dinnen umgesthbrummen
Und auf den Boden gew-
orfen, auf den Rücken
Auf beiden Seiten heftige
Merzen,, Kopfweh, Fieber dabei“

Auf einem anderen: „Eine Bahnschaufel
Der Still lag 1 Mark 35
Die Bahnschaufel 50 Zeiten
Hoch ist sie breit
32
Von einem Mann aus Sickingen
Am 25.2.1984
habe ich sie bekommen“

Die Kulturwissenschaftlerin Ruth Stützle lässt Elsa Saile in diesem Buch selbst zu Wort kommen und ihr Leben in ihrem Dialekt erzählen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichtes Bild einer vergangenen Zeit und einer außergewöhnlichen Frau, die Biografie einer wunderlichen Botin. Für die Bewohner der Zollernalb und des Steinlachtals die etwas andere Heimatgeschichte. Für alle ein einzigartiges Stück ungewöhnlicher Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Elsa selbst sagte am Ende ihres Lebens: „Dia warad scho no sea, dass i fehl!“ und „Ez duats halt neamad me!“
Das Buch diente als thematische Vorlage für das Theaterstück »Heimwärts« des Melchinger Theaters Lindenhof und wurde mit dem ersten Landeskundepreis des Arbeitskreises für Heimatpflege im Regierungsbezirk Tübingen ausgezeichnet. Jahrelang war es nicht mehr erhältlich, jetzt ist es in einer Neuauflage wieder greifbar.

Manuel Werner

Ruth Sützle: Die Botin. Das etwas andere Leben der 'Beuremer Elsa', Tübingen (Silberburg-Verlag) 2008, 3. Aufl., 176 Seiten, mit 41 Schwarz-Weiß-Abbildungen, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 3-87407-377-7

 


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