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  Bücher
 
Ulrich Wickert über Geschäfte, Geldgier und Abhilfe
 

„Redet Geld, schweigt die Welt. Was uns Werte wert sein müssen“, so der Titel des neuen Wickert-Buches. Was uns Werte wert sein müssen? Das klingt interessant, aber nicht einfach. Ulrich Wickerts Meinung dazu interessiert mich, also habe ich das Buch gelesen und ein nützliches Brevier entdeckt.

Den Kapitelüberschriften ist das Programm des Buches gut zu entnehmen: „Macht und Moral“, „Habgier und Macht“, „Kavaliersdelikt: Bestechung“, „Schmiergeld international“, „Parallelwelt der Banker“, „Geldwäscher“, „Wirtschaft und Ethik“, „Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität“, „Freiheit und Erfolg“, „Verantwortung und Vertrauen“, „Eigentum verpflichtet“, „Lohn und Leistung“, „Profit und Würde des Menschen“, „Gemeinsinn statt Eigennutz“. In jedem Kapitel werden zahlreiche negative Beispiele gegeben, manchmal allerdings werden auch Organisationen genannt, die es sich zum Ziel gesetzt haben, korrumpierenden Mechanismen entgegenzuwirken. Auf S. 56 etwa „mezis“ - "Mein Essen zahl' ich selbst - Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte", ein Zusammenschluss von ÄrztInnen gegen unzulässige Einflussnahme seitens der Pharmaindustrie, den es seit 2006 gibt (www.mezis.de). Bin ich das nächste Mal Patientin (also Kundin in einer Praxis oder einem Krankenhaus), werde ich das Gespräch darauf bringen.

Zum Geschäft gehöre heutzutage, so die Analyse von Ulrich Wickert, weit überwiegend die Gier nach Geld. Umgekehrt formuliert: Ohne Gewinn kein Geschäft. Aber um welchen Gewinn sollte es in der Wirtschaft gehen? Gewinn an was? Dieser Frage nachzugehen, neben seiner Beschreibung der allenthalben wachsenden Gier nach Geld und Macht, ist auch ein wesentliches Thema von Wickerts neuem Buch. Ulrich Wickert schildert aus seiner Sicht und seinen Quellen, wie bei Geschäften heutzutage die Ehrlichkeit zu kurz kommt. „Wer nicht bewusst irreführt, wer nicht das Spiel vom Bluffen beherrscht, der wird nicht viel Geld oder Macht anhäufen“, schreibt Ulrich Wickert (S. 42).

Und woran liegt es, dass die Ehrlichkeit in der Geschäftswelt zu kurz kommt? Schauen wir in das letzte Kapitel, wo Ulrich Wickert auf Seite 195 den Unternehmensberater Klaus Schweinsberg zitiert, ehemaliger Chefredakteur der beiden Wirtschaftsmagazine Impulse und Capital: „Vielen Top-Managern fehlt es schlicht an Charakterbildung, an Verständnis für die Belange der Mitarbeiter und unserer Gesellschaft. (…) Für den Aufstieg in den engsten Kreis der deutschen Führungskräfte zählen nicht in erster Linie Herkunft oder Ausbildung, sondern einzig und allein die Bereitschaft des Hochschulabsolventen, seine Seele an den Arbeitgeber zu verkaufen.“ Eine starke These, die es sich lohnen würde, fundiert zu diskutieren, aus meiner Sicht vor allem auch klassen-, migrations- und geschlechterpolitisch.

Ulrich Wickert meint, das Folgende von Schweinsberg sei „sicher polemisch“ gemeint. Mit dem Wortlaut von Schweinsberg integriert schreibt Wickert: „Die 'Brutstätten der künftigen Managerelite' unterscheiden sich kaum von den 'zweifelhaften Selektionsprozessen einschlägiger Sekten'“ (ebenfalls S. 195). Diesen Zustand will der Autor ändern. Gleich anschließend steht ein Brevier (S. 196-206). Es ist kaum länger als ein Artikel im Manager Magazin, also die Buchzusammenfassung für Führungskräfte in geschäftiger Eile. Der Stoff hat es in sich: Erziehung, Moral, Gesellschaft. Eine der zentralen Aussagen darin lautet: „Alles menschliche Handeln muss auf der Achtung der Würde des anderen basieren“. Ulrich Wickert möchte erreichen, dass Gemeinsinn allenthalben wieder besser zum Zuge kommt. Vor einer Weile habe ich noch eine andere Version dieser Idee gehört, wie sie für Ohren, die vom Finanzgequatsche voll sind, verständlicher wird. Der Slogan wird der Partei DIE LINKE zugeschrieben und lautet: Reichtum für die anderen! Das heißt auch: Meine Gier sollte dem Reichtum anderer dienen. Logisch, dass es mit dem Gemeinsinn dann klappen würde.

Aus meiner Sicht spricht dieses Buch das Bürgertum und seine Werte an, ihm bietet es Lesestoff zum Nachdenken über Korruption, eventuell über den eigenen Anteil daran, und in manchen Fällen wahrscheinlich auch Trost. Mindestens darüber, dass es hierzulande einen wie Ulrich Wickert gibt, der sich traut, seine Kenntnisse von Missständen zu Papier zu bringen und unter eigenem Namen zu veröffentlichen, auch ein „Geschäft“.

Mein Fazit zu diesem Buch lautet: Engagierte Essayistik von Ulrich Wickerts Art ist zu begrüßen. Inhaltlich ist seinen Argumenten und Appellen Anklang auch bei denjenigen zu wünschen, die mit Lobbyismus und Korruption zu finanziellem Reichtum und großem Einfluss gelangen, übrigens auch bei amtierenden BildungspolitikerInnen auf allen Ebenen. Soll der Band nicht nur was Hübsches für die gute Stube, sondern als Arbeitsmittel am Schreibtisch nutzbar sein, muss er durchgängig mit genauen Quellenangaben versehen werden. Dann wird Essayistik bisskräftiger und wäre zudem nachhaltig schriftlich nutzbar. An diesem Qualitätskriterium ändert aus meiner Sicht auch die Erfahrenheit und das Renommee des Autors nichts.

Claudia Koltzenburg

Ulrich Wickert: Redet Geld, schweigt die Welt. Was uns Werte wert sein müssen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2011. 206 Seiten, 19,99 €. ISBN 9783455502244. Das Exemplar der Nürtinger Stadtbücherei hat die Signatur Wi 20.

 


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