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Nürtingen 1918-1950
 

Wer auf eine aufgrund archivalischer Quellen grundlegende, akribisch recherchierte und stichhaltige Übersicht zur Nürtinger Geschichte zurückgreifen wollte, dem stand bislang die „Geschichte der Stadt Nürtingen“ von Jakob Kocher zur Verfügung. Leider endet diese mit dem dritten, im Jahr 1928 veröffentlichten Band „des Kocher“.

Das nun vorliegende Werk „Nürtingen 1918-1950“ hilft diesem Umstand ab, ist doch die Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Beginn der 50er Jahre eine bewegte, facettenreiche und außergewöhnliche Phase der Geschichte. Bislang zu diesem Zeitabschnitt erschienene Arbeiten, die relevant sind, werden im Vorwort aufgeführt. Das Buch greift erklärtermaßen auf das Wissen zurück, das in ihnen erschlossen wurde, enthält aber auch viele Bereiche eigener Forschungen, mit denen manche langlebige Lücken zwischen diesen Feldern geschlossen oder doch immerhin angegangen werden. So werden erstmalig zehn Nürtinger Opfer der „Euthanasie-Aktion“ vorgestellt (S. 286 f.). In 14 Kapiteln spannt sich der Bogen „vom Weltkrieg bis zur Behauptung der Republik“ – gemeint ist hierbei der Erste Weltkrieg - bis hin zur „Ankunft und Eingliederung der Heimatvertriebenen“. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Jahre von 1933 bis 1945, die auch den weitaus größten Raum der Darstellung ausmachen. Alle Zitate und viele sonstige Textstellen sind mit Fußnoten und genauen Quellenangaben versehen. Zu erwähnen ist auch der vergleichsweise günstige Preis für ein solch umfangreiches Buch.

Stadtarchivar Reinhard Tietzen, gleichzeitig Herausgeber des Werkes im Auftrag der Stadt Nürtingen, verfasste die ersten drei Kapitel, die mit der Darstellung des politischen Lebens in der Stadt im Jahre 1932 enden. „Die Anfänge der nationalsozialistischen Herrschaft“ (Kapitel 4) bis Kapitel 6 („Nürtingen unter dem Hakenkreuz“) wurde von Petra Garski-Hoffmann bearbeitet, der Ersten Vorsitzenden des Fördervereins Stadtmuseum Nürtingen. Die Nachkriegsjahre und die Eingliederung der in jener Zeit Heimatvertriebenen bis zum Jahr 1950 beschreibt André Kayser, der im Kreisarchiv Esslingen tätig ist, während das heikle Kapitel der Entnazifizierung sowie die spezielleren Kapitel, die Nürtingen im Nationalsozialismus betreffen, von Dr. Steffen Seischab, Historiker und Lehrer für Geschichte und Latein in Nürtingen, abgefasst sind.

Zahlreiche Abbildungen, die nicht nur Fotos, sondern auch Ausschnitte aus Plänen, Zeitungen, Statistiken, Fragebögen und Zeichnungen enthalten, sowie abgesetzte Textblöcke mit Exkursen machen das Buch sehr anschaulich. Als Beispiel sei der Plan der Luftschutzanlage im Ersberg genannt (S. 338), der meinen Sohn sofort in seinen Bann zog, als er sich das Buch zu Gemüte führte, sowie der auf Seite 416 abgedruckte „Persilschein“ eines „Parteigenossen“, mit dem er vom Vorwurf nationalsozialistischer Gesinnung „rein gewaschen“ werden sollte. Diesem Pg. bescheinigte einer der beiden Nürtinger "Dritten Reichs- und Nachkriegsbürgermeister" per Unterschrift und Stempel der damaligen Kreisstadt Nürtingen, jener habe „die Maßnahmen der Partei gegen die Juden scharf missbilligt“, sei der Kirche treu geblieben und habe „das traurige Ende des Krieges ... im Jahr 1939 mit prophetischer Gabe vorausgesagt“. Die Realität hatte aber so ausgesehen, dass der kommissarische NSDAP-Kreisgeschäftsführer Heinrich Häberle in Nürtingen solche „prophetischen Voraussagen“ auch in den letzten Kriegstagen ohne Gerichtsurteil mit Hinrichtung ahndete, wie Eugen Spilger erfahren musste, der erlebt hatte, dass die Franzosen bereits bis nördlich von Freudenstadt vorgerückt waren, im Wirtshaus davon berichtete und seine Vermutung äußerte, dass deren Einmarsch in Tübingen kurz bevorstünde. Eugen Spilger wurde an der Neuffener Steige aufgrund der Anordnung Heinrich Häberles erschossen (S. 350 f.). Wer hingegen „die Maßnahmen der Partei gegen die Juden scharf missbilligte“ wie Pfarrer Julius von Jan in einer Predigt, der wurde in Wirklichkeit von „Parteigenossen“ und in der SA Organisierten, die der Nürtinger NSDAP-Kreisgeschäftsführer mobilisierte, angespuckt und bis zur Betäubung zusammengeschlagen so „dass das Blut herunterlief“ und schließlich ins Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert (S. 296 ff.). Von Landesbischof Wurm wurde Julius von Jan anschließend vom Dienst suspendiert und ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Er wurde aus Württemberg ausgewiesen und von einem Sondergericht in Stuttgart zur Haft verurteilt (S. 247). Während die beiden zuletzt geschilderten Vorkommnisse Kundigen der Lokalgeschichte wenigstens der Spur nach bekannt sind, ist die folgende anschauliche lokale Begebenheit gleichzeitig ein weiteres Beispiel neuer Forschung im Buch: Im Jahr 1940 schrieb der Nürtinger Bezirksschulrat Gotthold Wankmüller aus seinem Kriegseinsatz in Südpolen an seine „liebe deutsche Jugend im Schulbezirk Nürtingen“ unter anderem von „Juden, die ich regelrecht dressierte“ und nannte hierfür konkrete Beispiele. Er ließ die Nürtinger Schüler wissen: „Die jüdischen Gauner sind aber keineswegs ausgestorben. Sie hamstern, schmuggeln, rauben und betrügen, wie es geht“ (S. 298).

Solche Vorgänge sind in dem Buch sauber und deutlich herausgearbeitet. Das ist keineswegs immer einfach, sind doch – wie bei der im vormaligen Lehrerseminar installierten und hier erstmalig umfangreicher aufgeführten „Aufbauschule“ geschildert – Akten „großteils“ vernichtet worden (S. 262 f.), sodass zu vermuten ist, dass auch in diesem Fall mit ihnen manche Dokumentation belastender Vorgänge in den Orkus gewandert ist. Dazu findet ein Nürtinger Geschichtsschreiber an etlichen Stellen der Stadtgeschichte nur eine Darstellungsweise vor, die mehr oder weniger raffiniert über manche braunen Pfade bewusst Gras wachsen ließ und stattdessen Unverfängliches selektierte, in grelles Licht tauchte und zementierte oder gar Verschleierungen beinhaltet. Die Gefahr, ihnen auf den Leim zu gehen, besteht durchaus, denn nicht immer sind sie leicht zu entlarven.

Das umfangreiche Buch hebt sich von unguten, jene Zeit betreffenden Tradierungsweisen ab, wie sie zum Beispiel in dem von Hans Schwenkel herausgegebenem „Heimatbuch des Kreises Nürtingen“ der frühen 50er Jahre festzustellen sind. Auch deswegen sei es von mir uneingeschränkt jedem Leser empfohlen! Solide recherchiert und belegt, hochinteressant dargestellt, neue Felder aufgrund eigener Forschungen erschließend, liegt es nicht nur schwer in der Hand, sondern ist auch im übertragenen Sinne ein überaus gewichtiges Werk hohen Standards für Nürtingen. Diese reife Leistung ist ein Meilenstein für die einer Übersicht verpflichteten Geschichtsschreibung Nürtingens! Das ist das große, nachhaltige Verdienst der gründlichen Autoren! Chapeau!


Manuel Werner

 

Reinhard Tietzen (Hrsg.): Nürtingen 1918-1950. Nürtingen/Frickenhausen: Sindlinger-Burchartz 2011, 576 S., ca. 200 Ill., geb., 240 mm x 170 mm, ISBN 978-3-928812-58-0, EUR 26,80

 


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