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Hölderlin. Eine Winterreise
 

„Ein bleibendes aber stiften die Dichter“

Der Dichter Friedrich Hölderlin ging im Winter 1801/1802 über mehr als tausend Kilometer von Nürtingen ins ferne Bordeaux, um dort eine Hauslehrerstelle anzutreten, seine vierte und letzte. Mehr noch: Er rechnete damit, „sein Vaterland ... zu verlassen, vielleicht auf immer“, denn „sie können mich nicht brauchen“. Eventuell hat Friedrich Hölderlin zeitweise die Postkutsche benutzt, das meiste ging er vermutlich zu Fuß. Die Reisedauer lässt dies vermuten, auch die Tatsache, dass er extra seinen gewohnten Wanderstab mitgenommen hatte. Nach wenigen Monaten bereits trat Hölderlin seine Heimreise an, und kam Ende Juni 1802 als ein anderer an, verwahrlost, verwirrt, „von hohlem wilden Auge“, seine Freunde erkannten ihn anfangs gar nicht. Seine Freundin und Muse Susette Gontard, Ehefrau eines Frankfurter Bankiers, war in der Zwischenzeit gestorben. An dieser Lebenswende kann man einen Einschnitt in Biographie und literarischem Werk festmachen wie auch einen weiteren Weg der Zerrüttung, der Hölderlin 1806 in die Autenriethsche Klinik und schließlich in den Tübinger „Hölderlinturm“ führte. Dort verbrachte er als “Scardanelli“ oder „Buonarotti“ die zweite Hälfte seines Lebens, die 36 Jahre umfasste und in der er sich als „nicht mehr von demselben Namen“ betrachtete. Friedrich Schelling schrieb an Wilhelm Hegel 1803 erschüttert: „Seit seiner Reise nach Frankreich ..., seit dieser fatalen Reise ist er am Geist ganz zerrüttet“.

Der Autor Thomas Knubben machte sich im Dezember 2007 auf, dieser schicksalhaften Reise Hölderlins nach Bordeaux - gehend -  nachzuspüren. Ein Forschungssemester hatte ihm dies ermöglicht. So wanderte er in seiner „Winterreise“ nach über zweihundert Jahren innerhalb von 53 Tagen mit einer Ausgabe von Hölderlin im Rucksack und mit einem Wanderstab in der Hand auf den Spuren des Dichters nach Bordeaux. Von der Hölderlinstadt Nürtingen aus führte ihn sein Weg zunächst nach Stuttgart in das Hölderlin-Archiv der Württembergischen Landesbibliothek und von dort nach Tübingen und Melchingen. Danach ging es über den Schwarzwald nach Straßburg, und schließlich über Lyon und die von Hölderlin wie von Thomas Knubben „gefürchteten ... Berge“ der Auvergne nach Bordeaux. Den Autor interessierte, ob dadurch die oft fern wirkenden Spuren Hölderlins auf eine andere, unmittelbare Weise in den gegenwärtigen Erfahrungsraum hinein wirken können. Insbesondere dem Gedicht „Andenken“, in dem Hölderlin diese Reise und Bordeaux verarbeitet hat, war nachzuspüren. Auch die „Spur des Todes“ aus Grabkreuzen und Gedenktafeln zu den „kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich“, die den Weg des Autors säumte, veranlasst geradezu zwingend, dem „Sündenfall ... an und mit Hölderlin“ nachzuspüren, den Nationalsozialisten und Germanisten begingen. Rund zwölf Stunden früher als Friedrich Hölderlin lief Thomas Knubben in Bordeaux ein. Doch danach zog es ihn noch an die „luftige Spitz“ des Zusammenflusses von Dordogne und Garonne und der Pointe de Grave. Den Weg zurück nach Nürtingen legte Thomas Knubben im TGV zurück, das dauerte knapp acht Stunden.

Zusätzlich ist dieses Buch von der "Winterreise" von Franz Schubert geprägt, wie dies auch vielen Werken Peter Härtlings eigen ist, der sich ebenfalls als „Wanderer“ versteht. Diesem Liederzyklus namens „Winterreise“ liegen 24 Gedichte von Wilhelm Müller zugrunde. So ist auch Thomas Knubbens Buch über seine „Winterreise“ in 24 Kapitel gegliedert.

Eine kleinformatige Textausgabe ist bereits 2011 erschienen. Die jetzt vorliegende, großformatige Prachtausgabe ist opulent bebildert mit Fotografien der Wanderung und vor allem mit historischen Dokumenten, Bildern und ausführlichen Bildunterschriften rund um Hölderlin. Sie erweitern Zugänge zu Hölderlin. Jedes Mal um zwölf Uhr machte der Autor Fotos der Umgebung, in der er sich zufällig befand – oft sah sie völlig anders aus als zur Zeit Hölderlins. Sie machen Wandlungen deutlich.

Es ist sehr interessant, in diesem Buch beispielsweise an langen Winterabenden blätternd und nachfühlend mit Thomas Knubben und mit Friedrich Hölderlin auf die besinnliche Reise zu gehen, in der Reiseerlebnisse und Informationen zu Hölderlin Hand in Hand gehen. Der Ansatz des Autors ist sicherlich ein angemessener Zugang, ist eine sinnvolle Annäherung an Hölderlin, an das, was er als Dichter stiftete, an das Bleibende, aber auch an das, was neu erfahren werden kann. Das bekannte, von Franz Hiemer gemalte Portrait Hölderlins, das ihm nicht einmal recht ähnlich sah und doch das erste ist, das landläufig mit Hölderlin assoziiert wird, dieses Bild des allzu zarten und gepuderten Beau löst sich auf im Rhythmus der vielen Schritte und im Gewinn an Informationen. Im geistigen Mitgehen wird es peu a peu ersetzt durch das des sensiblen und doch ausdauernden Wanderers, der äußere und innere Räume durchmisst und mitteilt. Es wird Hölderlin gerechter.

Manuel Werner

Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise - Tübingen (Klöpfer&Meyer) 2012, illustrierte Prachtausgabe, 224 Seiten, Großformat 21 x 28 cm, vierfarbig, Ganzleinen mit Schutzumschlag und Lesebändchen, mit Bildern über Landschaften von Claudio Hils nach Fotografien von Thomas Knubben sowie historischen Abbildungen, Dokumenten und einer Carte itinèrire von 1806 auf dem hinteren Vorsatzblatt, [D] 39,– Euro / [A] 40,10 Euro / [CH] sfr 51,90, ISBN 978-3-86351-022-0

 

 


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