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Der Mann mit dem Hut. Geschichten meines Lebens
 

Joel Berger, Jahrgang 1937, ist in der Region bekannt als früherer Landesrabbiner von Württemberg und durch seine beliebten Radiosendungen für SWR 1 und SWR 2 wie dem „jüdischen Wort in den Tag“. In diesem Buch thematisiert er sein Leben. Aufgezeichnet in rund siebzig Interviewstunden brachte Heidi-Barbara Kloos vom Südwestrundfunk das Erzählte in Form.

Die Erinnerungen beginnen – anfangs etwas sprunghaft zwischen den Zeiten - in Budapest. Als der Krieg ausbrach, war Joel Berger zwei Jahre alt, als er sechs Jahre alt war, hatten die brutalen Horden der ungarischen Pfeilkreuzler freie Bahn. Deswegen war es auch für den Sechsjährigen von allergrößter Wichtigkeit, sich ihnen gegenüber „unsichtbar zu machen“.  Eindringlich schildert er die traumatische Erfahrung, „wie Menschen von einem Tag auf den anderen ihren Anstand verloren haben. Leute, die ich tagtäglich gesehen habe, die ich gut kannte und begrüßte, haben mich, den kleinen Jungen mit dem gelben Stern, fotografiert, verspottet und schikaniert…“ Als sie wie die anderen Bewohner ihrer überfüllten Wohnung in das zentrale Getto gebracht werden sollen, schützen seine Mutter und ihn Pässe der Spanischen Botschaft, die seine Mutter organisiert hatte. Auch nach dem Einmarsch der Roten Armee  im Jahr 1944 waren die Juden Ungarns Demütigungen und Repressalien ausgesetzt, es war für sie eine Errettung, aber im kommunistischen Ungarn keine wirkliche Befreiung gewesen, wie Berger eindrucksvoll ausführt. Insofern hatte der erste Rotarmist Recht, der ihnen  begegnete und auf Jiddisch geraten hatte, keinem zu sagen, dass sie Juden sind. Doch dies ließ sich nicht verheimlichen, ein System von Spitzeln irrlichterte sogar durch die jüdische Gemeinde. Erniedrigungen vergifteten sein dortiges Leben, Juden wurden als vorgebliche Angehörige der früheren Ausbeuterklasse diskriminiert. Widersetzten sie sich aber der Verfemung Israels insbesondere nach dem 6-Tage-Krieg, so wurden sie in besonderer Weise mit Mitteln der Repression traktiert, auch von jüdischen Funktionsträgern. Er verschweigt allerdings nicht, dass es Christen der von Pater György Bulanyi gegründeten, pazifistischen Bokor-Gruppe ebenso gehen konnte wie den ungarischen Zionisten: Sie wurden als "subversive Elemente" rücksichtslos bekämpft. In dieser "Causa Bulanyi" legt er dar, dass Joseph Ratzinger die dem diktatorischen Staat linientreuen Bischöfe, teils Agenten, durch sein Schweigen deckte, Bulanyi aber absägte, der mundtot gemacht wurde, dem das Priesteramt entzogen wurde, und der in einem Hirtenbrief als Staats- und Kirchenfeind und als Herätiker gebrandmarkt wurde, weil er sich für das Recht auf Wehrdienstverweigerung einsetzte.

Hatten eigene Landsleute als Faschisten die Kindheit Joel Bergers zerstört, so zerstörten sie als Kommunisten seine Jugend , wie er es viel später als Gast einer Delegation des Stuttgarter Stadtrats in Budapest auf den Punkt bringt.

Nach seiner Ausbildung zum Rabbiner gelangte Joel Berger im Alter von 30 Jahren 1968 nach Deutschland. Regensburg, Dortmund, Düsseldorf, Göteborg, Bremen, und schließlich Stuttgart waren Stationen seines weiteren Lebens. Als „Zweitrabbiner“ von Düsseldorf erlebte er anlässlich eines Besuches auf der Hardthöhe in Bonn staunend, dass er herumgeführt wurde, als sei er der Papst, und fast mit übertriebener Höflichkeit begrüßt wurde. Ganz anders war es dann in Schweden…

Angesichts der Tatsache, dass Joel Berger 23 Jahre als Landesrabbiner in Stuttgart wirkte und daher sein hiesiger Bekanntheitsgrad herrührt, ist dieser doch lange und wichtige Bereich seines Lebens im Buch für meinen Geschmack arg kurz geraten. Er wird lediglich auf mageren 36 von 384 Seiten thematisiert, auch wenn in dem nachfolgenden Kapitel zur Deutschen Rabbinerkonferenz deckungsgleiche Zeitabschnitte beinhaltet sind!

Nicht „Geschichte meines Lebens“, sondern „Geschichten meines Lebens“ lautet der Untertitel dieses Buches. Treffend charakterisiert György Dalos in seinem Vorwort das Werk denn auch als in der „anekdotischen Erzähltradition“ Ungarns verankert und im Stil einer „leichten, genussvollen Erinnerungsprosa“  geschrieben. Es ist ein faszinierendes, lehrreiches Leben, das hier in oft ausgeprägten Reflexionen dargelegt wird. Köstlich ist der Sprachwitz einer dieser Anekdoten anlässlich einer Feier in Knittlingen, als der Platz vor dem Haus des damaligen Vorstehers der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg zu dessen Ehren in „Henry-Ehrenberg-Platz“ umbenannt wurde. Joel Berger schildert, wie er in seiner damaligen Rede den Killesberg erwähnte, dann ein Gemeindemitglied namens Goldberg, der Gold wert sei, aber „unser höchster Berg sei doch der voll Ehren, also der Ehrenberg“. Auf die Frage, wie Herr Ehrenberg es neben seiner vielen Arbeit auch noch zuwege bringe, „von Knittlingen aus eine Gemeinde in Stuttgart für ganz Württemberg zu leiten“, äußerte Joel Berger: „Die Gemeinde wird fern-gesteuert“. Der Geschäftsführer „der Gemeinde von Ehrenbergs Gnaden“ hieß Arno Fern...

Eine Bereicherung des Buches ist die beigefügte Audio-CD  mit dem Titel: „Der Mann mit dem Hut. Joel Berger im Porträt“, von Jörg Vins, SWR2 (SWR 2012).

Manuel Werner

Joel Berger:  Der Mann mit dem Hut. Geschichten meines Lebens. Aufgezeichnet von Heidi-Barbara Kloos, mit einem Vorwort von György Dalos. Tübingen (Klöpfer & Meyer) 2013, 384 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und einer beigefügten Audio-CD (in Kooperation mit SWR2), ISBN 978-3-86351-054-1, 25 Euro

 

 


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