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  Bücher
 
Urach in der Zeit des Nationalsozialismus
  Der Arbeitskreis Stadtgeschichte der Volkshochschule Urach begann im Frühjahr 2008, Vorgänge aus der NS-Zeit zu erschließen und schriftlich zu erfassen. Die Ergebnisse liegen nun in Buchform vor.

Die Darstellung fußt vor allem auf lokalen Zeitungsjahrgängen von 1939 bis 1945, den Gemeinderatsprotokollen und Dokumenten des Stadtarchivs, sowie auf Spruchkammer- und Oberamtsakten, die im Staatsarchiv Sigmaringen lagern. Dazu kommen Gespräche mit Zeitzeugen.

Das Buch ist in neun Hauptkapitel unterteilt, die zeitlich vom Ende der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs reichen. Im Inhaltsverzeichnis sind zwischen diesen Hauptkapiteln kleinere Exkurse kursiv markiert, die zum Beispiel den „Bericht des Gefangenen Eugen Lotterer“ enthalten, der vom 6. Juni 1935 bis zum 3. Februar 1936 im KZ Oberer Kuhberg und im KZ Dachau in „Schutzhaft“ gewesen war, oder einen „Uracher als Richter in Prag“, Walter Eisele, thematisieren. In den Gesamttext sind sowohl Quellentexte eingestreut, wie zum Beispiel Zeitungsartikel im Faksimile, aber auch grau hinterlegte Texte, die kleinere Sinnabschnitte thematisieren, wie die Auseinandersetzung des evangelischen Dekans Dr. Max Fischer mit „der Nazi-Partei“.

Die „Alten Kämpfer“ des Kreises Urach sieht man auf einem leider nicht datierten Foto auf S. 14 abgebildet, das laut Abbildungsnachweis aus einem Sonderheft zu einem Kreis-Kongress der NSDAP des Kreises Urach stammt, auf S. 15 findet sich dann in einem Exkurs  der Hinweis, dass dieser Kongress 1934 stattgefunden hat. Auf den Seiten 23f. sind weitere Fotos von diesem Kongress abgebildet.
Anhand der Brüder und „Alten Kämpfer“ Fritz und Heinrich Bratz , Sturmführer bzw. Obersturmführer der SA, stellt das Buch gut das Entstehen (1929) und Erstarken der Uracher NSDAP dar, die 1931 zur Ortsgruppe wird. Heinrich Bratz – sein Bruder war „im Felde vermisst“ – kommandierte bis zum 24. April 1945 noch den lokalen „Volkssturm“, der zuletzt Panzersperren sicherte. Bei der exemplarischen Hervorhebung der Gebrüder Bratz wird auch die Taktik offenbar, mit der versierte Beschuldigte bei ihrer „Entnazifizierung“ Taten geschickt auf Gefallene schoben.

Zu denken gibt die Tatsache, dass ausgerechnet der „Alte Kämpfer“ Kurt Mayer, gelernter Gewerbeschullehrer und bereits 1932 Kreisleiter, "schon" [ironische Formulierung d. Verf.] 1945 in Balinger Internierungshaft der Franzosen  einen vierzehnseitigen Text verfasste mit dem Titel „Wider Hitler und sein System“. Sicherlich eine wahre Heldentat!

Sauber herausgearbeitet ist auch, wie sich die NS-Rassenkunde regional bei „Forschern“ wie Wilhelm Gieseler zeigte, der mittels Tasterzirkel und Nasentiefenmesser ermittelte, dass „die Schwaben infolge einer Mischung bestimmter Rassentypen  [„Rassen“ hier bei Gieseler gemäß der NS-Ideologie in der Postulierung einer „arischen“ Art und innerhalb dieser gesehen, Anm. d. Verf.] durch Rundköpfigkeit beziehungsweise durch eine große Kopf- und Gesichtsbreite von anderen deutschen Bevölkerungsgruppen unterscheiden“, wobei blaue Augen in Schwaben häufiger vorkämen als blondes Haar. „Die weiten Räume unseres geopolitschen Vorfeldes“ seien – so Gieseler im Jahr 1942 – „mit vollwertigen deutschen Menschen zu erfüllen“. Wie viele Zuhörer sich wohl bei diesen Vorträgen die Frage gestellt haben, was dann aus der autochthonen Bevölkerung dieser weiten Gebiete werde?

In ausgezeichneter Weise stellen Irene Herrmann und Stefanie Leisentritt unter Mithilfe von Silke Schönherr Lebens- und Leidensgeschichten von Uracher Opfern der „Euthanasie“-Morde der Tötungsanstalt Grafeneck vor, was unter anderem erforderte, dass Akten des Bundesarchivs Berlin durchgesehen werden mussten, ohne dass die Verfasserinnen verschweigen, dass die tatsächliche Anzahl dieser Opfergruppe vermutlich um einiges höher ist. Solche hart erarbeiteten Darstellungen sind der Beweis dafür, dass es nötig und hilfreich ist, aufzuzeigen, wie sich der Nationalsozialismus vor Ort buchstabierte, denn mit den Lebens- und Leidensgeschichten der jeweiligen Mitbürger bekommen die Opfer und oft die Täter „ein Gesicht“!

Manuel Werner

Volkshochschule Bad Urach (Hrsg.)/Arbeitskreis Stadtgeschichte: Urach in der Zeit des Nationalsozialismus. Nürtingen/Frickenhausen(Verlag Sindlinger-Burchartz) 2012, 182 S. : 100 Ill. ; 240 mm x 170 mm, ISBN 978-3-928812-61-0, EUR 16.80
 


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