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Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur
 

Der NSU, der so genannte »Nationalsozialistische Untergrund«, war oder ist eine rechtsextremistische terroristische Vereinigung, die im Jahr 2011 öffentlich bekannt wurde. Derzeit resultieren daraus: mindestens drei mutmaßliche Terroristen, davon zwei tot (Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt), mindestens neun Morde an Menschen „mit ausländischen Wurzeln", ein Mord an einer Polizistin, eine unklare Anzahl von Unterstützern – und eine lange Liste an offenen Fragen, falschen Fährten, "Schredderorgien", Verschlusssachen und rätselhaften Zusammenhängen. Aber auch Hinweise auf braune Netzwerke wie den Ku-Klux-Klan in Baden-Württemberg, die Polizisten und V-Leute mitbeinhalteten, sind unter diesen Resultaten zu verbuchen. So war auch der am Tag des Mordes direkte Vorgesetzte der in Heilbronn erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter, Timo H., ein "Polizist mit Ku-Klux-Klan-Vergangenheit." Weit reichende braune Sümpfe kann man auch andernorts im Ergebnis feststellen. Die zehn Autoren des Buches, darunter auch Rainer Nübel (Zeitenspiegel, Stern), der früher für die Nürtinger Zeitung gearbeitet hat, befassen sich seit bald drei Jahren mit der NSU-Mordserie, darauf folgenden Vernebelungstaktiken und offenen Fragen. Sie beobachteten hierzu die verschiedenen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, sie werteten Hunderte von Ermittlungsakten aus, und sie beobachten aktuell den laufenden Münchner Mammutprozess gegen die schweigende mutmaßliche Komplizin Beate Zschäpe. Dazu pflegen sie nach Aussage des Verlages Kontakte zu „Insidern" und "sehr gut unterrichteten Kreisen". 

Wie bereits der Titel vermuten lässt, beschreibt der Sammelband die bisherigen Fahndungen und Vorgehensweisen als "ein wahres Aufklärungsdesaster" und "als politisch hochbrisante Geheim- und Verschlusssache". Statt schonungslos aufzuklären, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel noch versprochen hatte, lenken Behörden ab. Ermittler unterwerfen sich politischen Vorgaben, vernebeln, täuschen und verkaufen, wenn sie es schlecht machen, die Öffentlichkeit für dumm. Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter auf der Theresienwiese in Heilbronn im Jahr 2007 wird im Buch als Schlüssel für den ganzen Fall gesehen, mit einem „Agententreff in Tatortnähe" und massiven Falschdarstellungen der Behörden. Zunächst verdächtigten die Fahnder „einige Schausteller", eine heiße Spur führe ins „Zigeunermilieu". Danach jagten sie zwei Jahre lang das nicht bestehende „Phantom von Heilbronn" und somit mobile "verschmutzte Wattestäbchen". In "zig Aktenordnern" zu dem Polizistinnenmord findet man kein Wort zu möglichen rechtsextremistischen Tätern. Die politische Spitze des grünroten Musterländles will trotz einer propagierten Politik des Gehörtwerdens und der Transparenz dazu nicht einmal die Ermittler und Verwickelten vor einem Untersuchungsausschuss hören - eine Evolution hin zu einem "Musterländle des Mauerns" und einer "trauten Einheit der Nicht-Aufklärer", zu "grün-roten Chefblockierern". Dies führt zu den Fragen: "Gab es auf höherer Ebene ein" nicht eben "erklärtes Interesse, das 'Phantom' möglichst lange als Realität darzustellen?" Weshalb wurden Zeugenaussagen, die in andere Richtung gingen, als "unglaubwürdig abgebügelt"?  Zu unbequeme Fragen? Für wen? Aber auch „der rätselhafte Showdown des NSU-Trios in Eisenach und Zwickau" wird genauer betrachtet. Die zehn Autoren, hauptsächlich Journalisten, analysieren, wie und warum staatliche Behörden, Geheimdienste, Teile der Politik und auch der Medien eine innenpolitische Katastrophe ausblenden. Damit dies erschwert wird und die Frage nach dem „Warum" des Vertuschens professioneller gestellt wird, schrieben sie das Buch.

Eine Zeitleiste des NSU-Komplexes ruft die Abläufe chronologisch in Erinnerung. Ein Epilog von Esther Dischereit mit dem Titel „Die Gesichter der Nachbarn" wirft auch einen Blick auf das „Allein-Gelassen-Sein der Familien nach den Taten" und die Ermittlungen, die sich lange Zeit gegen die Opferfamilien selbst richteten, aber auch auf die Mordopfer. „Es sind unser aller Tote".

Das Buch liest sich leicht und ist flüssig geschrieben. Auch durch die verschiedenen Autoren bringt es verschiedene Facetten des ganzen Wirrwarrs um den NSU-Komplex und die Vertuschungsversuche ins Bewusstsein, was bitter nötig ist, denn für mich stellen sich angesichts des Aufklärungs- und Fahndungsdesasters vor allem diese drängenden Fragen: Was wäre gewesen, wenn es sich bei den neun Todesopfern um Politiker oder Staatsanwälte gehandelt hätte und nicht um Menschen "mit ausländischen Wurzeln"? Ist somit bei uns jeder Mensch gleich? Zweitens: Was wäre gewesen, wenn die Morde von Linksterroristen verübt worden wären, von so etwas wie der RAF? Weshalb diese Ungleichheit, die noch einmal bedrückender wird angesichts der weit unterschiedlichen Zahl an Terroropfern beim Links- und beim Rechtsterrorismus? Wurde nicht bereits bei dem Oktoberfest-Terroranschlag im Jahr 1980 die Spur hin zum Rechtsterrorismus und hin zu mehreren Tätern vertuscht, eine Parallele?

An vielen Stellen des Sammelbandes wünscht man sich mehr Fakten und Antworten, aber genau dieser Mangel an Fakten und Antworten offenbart ja die Berechtigung. Er dokumentiert den Nebel und Vernebelungen, stellt Fragen. Nicht auf all diese Fragen wäre man ohne das Buch gekommen. Je mehr Leser diese Fragen stellen, desto höher wird der Druck für Antworten. Werden diese Fragen weiter an teflonbeschichteten Beamten und Behörden abgleiten, stellen sich diese Fragen umso drängender.

Manuel Werner

Andreas Förster (Herausgeber): Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur, Klöpfer & Meyer 2014, 315 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86351-086-2, 22 Euro

 


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