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China Keitetsi: Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr
 

China Keitetsi: Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr. Mein Leben als Kindersoldatin. München: Ullstein Verlag 2003, 319 Seiten, 8.95 Euro, aus dem Dänischen von Sigrid Engeler, ISBN 3-548-36481-0, auch als Buch mit festem Einband erhältlich (20 Euro).

"Äußerlich gesehen waren wir Kinder, doch in unserem Inneren sah es ganz anders aus", resümiert "China" Keitetsi, die als Tutsi im Westen Ugandas geboren wurde. Den Namen "China" erhielt sie von ihren militärischen Vorgesetzten wegen ihrer fernöstlich anmutenden Augen. Andere Kindersoldaten wurden "Rambo" oder "Strike Commander" genannt.

Ihre Kindheit war gespickt mir brutalen Schlägen, böser Behandlung, Grausamkeit und Missbrauch. "China" war ein ungeliebtes Kind und erlebte es jeden Tag. Der Schulleiter wollte sie wegen blutiger Spuren solcher Misshandlung bei sich aufnehmen, doch ihr Vater lässt dies nicht zu. Mit neun Jahren riss sie aus und wurde von der "National Resistance Army" (NRA) aufgegriffen, einer Rebellen-Armee, die gegen die Regierungs-Soldaten kämpfte. Dieses Vorgehen war erfolgreich: Kinder wie China sind leicht für etwas zu begeistern, sind stolz, wenn sie Erwachsenen-Uniform und martialische Waffen tragen, rauchen und kämpfen dürfen. Sie fragen nicht nach, sind leicht zu motivieren, dabei unerfahren bei moralischen Werten, haben nicht gelernt, "Nein!" zu sagen, und sie töten und foltern kompromisslos, ohne über die Folgen nachzudenken. Ideale Kampfmaschinen!

Die kleine China erhielt eine "Uzi", eine Maschinen-Pistole israelischer Machart, weil sie ein größeres automatisches Schnellfeuer-Gewehr (AK-47, "Kalaschnikow") noch nicht so gut anwenden konnte. "Als ich die Verwundeten auf der Straße liegen sah und um Hilfe schreien hörte, war meine Begeisterung rasch verflogen. Plötzlich war es nicht mehr so leicht, in diesen Menschen den Feind zu sehen". Doch China wurde noch mehr gedrillt, harten, verlustreichen Kampfeinsätzen ausgesetzt, bis sie als "gefährliches Ding" galt, das nach der Offensive in der Hauptstadt einen glänzenden, unbedingt loyalen Leibwächter abgab.

Sie blieb in der Armee, etwas anderes hatte sie nicht gelernt, sie fühlte sich auch ohne Uzi oder AK-47 unsicher - die Waffe gab Halt, war ihr einziger Freund und Mutter-Ersatz. Und verlässlich. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr wurde sie von ihren Befehlshabern unzählige Male sexuell missbraucht. Ihr früherer "Commander", dem sie den Weg zur Macht freigeschossen hatte, der jetzige Staatschef Yoweri K. Museveni, entzog sich der Verantwortung für die Kindersoldaten - der noch lebenden und der vielen Gefallenen und tut dies bis heute. Auch China wurde wie viele andere Kindersoldaten an die Front im Norden geschickt, das "Problem" sollte sich so selbst erledigen. "Während dein Gesicht immer strahlender wurde, wurde meines immer grauer", resümiert China gegenüber dem Staatschef. Sie geriet in Intrigen und Machtkämpfe. Mit achtzehn, neunzehn floh die schwangere China deswegen überstürzt via Kenia, Tansania, Sambia und Simbabwe nach Südafrika: Dort stürzte sie in eine tiefe "Finsternis, für die ich keinen Namen hatte, aber die andere später Depression nennen sollten". Als sie  begann, gegen den ugandischen Staatschef Museveni zu agieren, wurde sie - im tausende Kilometer von ihrem Heimatland entfernten Südafrika! - vom ugandischen Geheimdienst entführt, mehrere Monate gefangen gehalten und gefoltert. Ihr gelang die Flucht. Die Vereinten Nationen übermittelten sie zunächst in eine Klinik für körperliche und seelische Traumata, danach ins sichere Dänemark. Dort brach wieder alles verinnerlichte Leid auf und sie begab sich in psychologische Behandlung. China schrieb auf, was sie Furchtbares erlebt, was sie als Kindersoldat Schreckliches getan hat, gezwungen war zu tun, und was in ihr nun schmerzvoll aufbricht - ein Versuch der Selbsttherapie. "Ich schrieb wie ich weinte ... Das Aufschreiben meiner Erlebnisse half mir, Opfer und Täter zu unterscheiden.". Heute engagiert sich China Keitetsi gegen den Einsatz von Kindersoldaten und gegen Waffenhandel: Und für Kinder. "Der Kampf, den ich heute führe, ist kein Kampf mit Waffen, sondern ein Kampf mit Worten. ... Kein Kind soll erleben müssen, was ich erlebt habe."

Ein bewegendes Buch, das tief beeindruckt und zu Herzen geht, da mit Herzblut geschrieben. Ich habe es in einem Satz durchgelesen, war in besonderem Maße betroffen, weil ich selbst in Uganda Kindersoldaten gesehen und erlebt habe.
China Keitetsi ist ein wertvoller Mensch! Das, was sie zu sagen hat, ist sehr verständlich, vom Inhalt her aber keine leichte Kost. Kaum ein Lichtstrahl fällt in das Dunkel der Lektüre. Sie ist wert, tausendfach gehört zu werden, auf dass es für andere Licht werde. Ich wünsche mir und ihr und allen Kindersoldaten und benachteiligten Kindern, dass es Gehör findet und etwas bewegt auf dieser Welt! Es geht uns unmittelbar an!

Mehr unter http://xchild.dk
Und unter http://www.keitetsi-foundation.com

Manuel

Das Buch ist in der Stadtbücherei Nürtingen ausleihbar.


 

 


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