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Sherman Alexie: Regenmacher
 

Fern jeder romantischen Verklärung und in aller Deutlichkeit schildern Sherman Alexies Erzählungen die trostlosen Verhältnisse eines Indianer-Reservats unserer Zeit: Perspektivlosigkeit, sinnlos betrunkene Indianer, Ödnis, Chancenlosigkeit, Armut, Arbeitslosigkeit, Entwurzelung, desolate Kindheiten, fehlende Vorbilder. Wer nun beklemmende Anklagen voller Hass erwartet, der sieht sich überraschenderweise mit einem schwarzen Humor voller Selbstironie konfrontiert, einem schlagenden Humor, der das Ganze erträglich macht, aber eben deutlich darstellt.
Selbstironie? Ja, Sherman Alexie ist Native American der Spokane/Coeur d’Alene Nation, deren Reservat in Idaho liegt – eine wenig anregende Flachlandschaft mit primitiven Häusern ist es, die den Coeur d’Alene zugewiesen worden war. Dort regiert die Langeweile und der Alkohol. Der dort ebenso regierenden Hoffnungslosigkeit setzt Alexie seine Geschichten entgegen. Mit einem Sprachgespür sondergleichen zaubert er Personen wie den unnachahmlichen Thomas Builds-the-Fire herbei, einen Geschichtenerzähler und Sonderling, den niemand in der Reservation mehr hören will. Dabei will er doch nur die Seele der Väter wach halten. Oder Victor, der unter seinem Vater, einem Säufer, gelitten hat, und die Asche seines Vaters in Arizona abholt, um sie in Spokane in einen schäumenden Fluss zu streuen, in dem schon lange keine Lachse mehr leben. Thomas Builds-the-Fire schwärmt davon, dass der Vater Victors eines Tages als Lachs wiederkehrt. Victor hingegen meint, nein, es sei eher so wie einen Speicher auskehren ...
Am Besten gefällt mir: „Die ungefähre Größe meines Lieblingstumors“. Diese Erzählung handelt von Jimmy Many-Horses, unheilbar krebskrank, Endstadium, der ungeachtet dessen voller ungebrochenem Witz steckt. Aber seine Lebensgefährtin Norma kann seine Witze nicht mehr ertragen, denn ob nun ihre Mutter gestorben ist, oder es um seine Krankheit und sein bevorstehendes Ende geht, immer trägt es Jimmy Many-Horses mit beißendem Humor, den er blitzschnell und schlagfertig äußert. Als ein Telefonanruf den Tod der Schwiegermutter mitteilt, bedankt sich Jimmy reflexhaft bei dem Anrufer. Jimmy fällt zu seinem „Danke“ aber sofort danach ein: "He, warum sage ich eigentlich „Danke“? Ah, danke, dass meine Schwiegermutter tot ist!? Danke, dass Sie meine Frau zum Weinen gebracht haben!?" Norma unter Tränen: „Jimmy, hör auf, das ist nicht lustig!“ Aber Jimmy hört nicht auf. Auch mit der Ärztin, die ihm mitteilt, dass es sterben wird, macht er nur Witze. Mit rassistischen Cops sowieso, der Ausflug in die Stadt mit Einladung zum Essen ist damit für Norma und ihn gelaufen. Auch dass er meint, sich mit seinem Röntgenbild dem Baseballclub als Maskottchen zur Verfügung zu stellen, da sein Lieblingstumor die Größe eines Baseballs habe, und so etwas Geld hereinkomme, löst bei ihr keine Begeisterungsstürme aus. Norma verlässt ihn, als er nach einem Ultimatum wieder einen Witz über seine Krankheit macht, den besten seines Lebens, wie er meint. Und nun geht es wirklich bergab mit ihm. Sogar seine Freunde und Cousins nennen ihn jetzt entsprechend: Jimmy One-Horse, Jimmy One-and-a-half-Horse oder gar Jimmy Zero-Horses. Sie haben eben auch Humor. Galgenhumor. Unnachahmlich, wie er nach einer Auseinandersetzung mit seiner Lebensgefährtin voller Wut in seinen Pickup sprintet, dort prompt feststellt, dass er seinen Schlüssel vergessen hat. Sofort hastet er wieder hinein ins Haus und hat bereits das Spielchen verloren, denn seine Frau ist nicht vom Stamm der Coeur d’Alene, sondern vom Stamme der Amazonen. Es nützt ihm nichts, wenn er nach nicht mal einer Minute nun zurückgeflitzt kommt mit: „Schatz, hast du mich nicht vermisst? Ich war so lange fort, und es ist schön, wieder zu Hause zu sein. Wo ich hingehöre! - Und sieh sich einer mal die Kinder an“, während er einer imaginären Kinderschar den Kopf tätschelt, „wie groß sie geworden sind. Und sie haben deine Augen!“ – Seine Lebensgefährtin hat ihr Tonto-Gedicht aufgesetzt, ist schon am Packen und zieht das Weitere unbeirrt durch. Sie kommt erst ein Jahr später zurück, und was sind ihre ersten Worte? „Schatz, hast du mich nicht vermisst? Ich war so lange fort, und es ist schön, wieder zu Hause zu sein. Wo ich hingehöre!“-  Vor solchen Niederlagen hat Jimmy eine Schweineangst, das toppt seine Tumore! Gleich danach kommt von Norma ein mitleidig-siegesbewusstes: „Jimmy, du siehst beschissen aus!“. Auf die Frage, warum sie zurückgekommen sei, antwortet sie, ihr Lover, ein Flathead-Indianer, habe alles so furchtbar ernst genommen. Auch sie hat Galgenhumor. Und dann rückt sie mit der Wahrheit heraus: „Weil Frybreadbacken und anderen beim Sterben zu helfen die letzten beiden Dinge sind, die Indianer gut können.“ – „Zumindest eines davon kannst du gut!“ gibt Jimmy zur Antwort.

Die Übersetzung lässt leider ab und zu zu wünschen übrig. Das Original ist unter dem Titel "The lonely ranger and Tonto make a fistfight in heaven" erscheinen.

 

Aus Sherman Alexies Erzählungen ist auch ein Film entstanden, in dem wirklich nur Indianer als Schauspieler agieren, außer wenn Weiße eine (Neben)Rolle im „Ausland“ spielen, will heißen: außerhalb des Reservats. Er heißt „Smoke Signals“, ist von Chris Eyre, USA 1998: „Der erste Film ausschließlich von und mit Native Americans“! Thomas Builds-the-Fire und Victor werden in ihm wieder lebendig, genauso wie man sie sich in der Phantasie beim Lesen vorgestellt hat. Den Film gibt es auch in deutscher Sprache. Yah-he!


Sherman Alexie: Regenmacher. Erzählungen. Goldmann-Verlag 1996. ISBN 3-442-42665-0, in der Stadtbücherei unter „Indianer“, „Alex“, verzeichnet.

 


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