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Sicko
 

Sicko beschäftigt sich mit den Problemen des von Versicherungen und Pharmaunternehmen dominierten Gesundheitssystems in den USA. Letztlich handelt der Film über die USA und deren Probleme. Die Kernaussage ist, dass eine staatliche Gesundheitsvorsorgung gegenüber dem gegenwärtig US-amerikanischen Modell, die das Ganze mit rein privat finanzierten Versicherungen machen, vorzuziehen sei, da das private System nur auf die Profitmaximierung der Versicherungen und Pharmaunternehmen abzielt. Am 3. Februar 2006 forderte Moore über seinen Blog Leute auf, ihm per E-Mail ihre persönlichen Horrorgeschichten mit dem Gesundheitssystem zu senden. Innerhalb einer Woche hatte er 25.000 Rückmeldungen.

Der Film beginnt mit recht skurrilen Darstellungen von Leuten, die keine Krankenversicherung haben. Ein Mann, der sich mit einer Kettensäge die vordere Kuppe des Ring- und des Mittelfingers absägt, ging ins Krankenhaus. Sein erster Gedanke war „Was wird mich das kosten?“ Die Mittelfingerkuppe wieder anzunähen würde 60.000 $ kosten, während der Ringfinger schon für 12.000 $ zu haben sei. Er musste sich entscheiden, was er bereit sei zu nehmen. Er entschied sich für den Ringfinger. Wahrscheinlich muss er einen Ehering tragen. Moore begründet es mit der romantischen Ader des Mannes. Eine Frau musste nach einem Autounfall die Ambulanzrechnung selbst bezahlen, weil sie ihrer Versicherungsgesellschaft vor ihrer Bewusstlosigkeit nicht ankündigte, dass sie diesen Wagen brauchte. Die Versicherungsgesellschaft verweigerte einer anderen Frau nach einer Operation die Bezahlung, weil sie auf ihrem Antragsformular nicht angegeben hatte, dass sie früher mal zwei Tage lang eine Pilzinfektion hatte. Obdachlose Patienten wurden heimlich mit einem Taxi aus den Krankenhäusern von Los Angeles geworfen, eine Überwachungskamera filmte es zufällig, nachdem sie eine medizinische Erstbehandlung erhalten hatten und sich dann herausstellte, sie haben gar kein Geld. Höhepunkt des Films ist, als er mit freiwilligen Helfern des 11. Septembers, die an den Folgen erkrankten und keine Hilfe bekamen, nach Cuba fährt. In Guantanamo bekommen nämlich die Al Kaida-Insassen kostenlose medizinische Betreuung. Da Moore dort nicht hinein kommt, gehen sie nach Havanna, wo sie ebenfalls kostenlos behandelt werden. Das Krankenhaus sieht aus, wie ein kleiner Wolkenkratzer, so riesengroß ist es. Die Wartehalle sieht aus, wie in einem Flughafen, aber erstklassige Betreuung. Den Leuten wurde geholfen, sie mussten nur ihren Namen und das Geburtsdatum angeben. Am Schluss werden sie sogar geehrt. Das ist ein Schlag in die Fresse der USA. In Kuba gibt es fast in jedem Wohnblock einen Arzt und eine Apotheke und Medikamente für Atembehandlungen wie bei Asthma, die in den USA 120 $ kosten, gibt es dort für umgerechnet 5 Cent. Kuba ist arm, aber eben auch, weil dieses sozialistische Land versucht viel in dieser Richtung für seine Bevölkerung zu tun. Vielleicht sind umgekehrt die USA deshalb so reich, weil sie ihren Mitbürgern so eine kostenlose Vorsorge nicht zukommen lassen. An einer Stelle wird dargestellt, wie eine Frau ihre dreijährige Tochter mit 40 Grad Fieber ins Krankenhaus bringt. Das Krankenhaus ruft bei der Versicherung an und die sagen, das Kind darf nicht in diesem Krankenhaus behandelt werden, es muss in ein Krankenhaus der Versicherung gebracht werden. Die Frau bittet und bettelt, es nutzt aber nichts und sie fährt mit ihrem schwerstkranken Kind dort hin und 40 Minuten nach dem Eintreffen ist es tot. Das sind Bilder da war es mucksmäuschenstill in Kino. Sonst gab es mal Gelächter, aber da schüttelt man nur noch den Kopf und weiß nicht, was man sagen soll.

Über die Lobbyarbeit, Schnüffler bei den Versicherungsanstalten und weiteren, teils erschütternden Berichten führt Moore den Zuschauer bis nach Kanada, Großbritannien und Frankreich, indem er das dortige kostenlose Betreuungssystem als für sich völlig paradiesisch darstellt. Er kann es immer nicht glauben, wenn er hört, man muss nichts zahlen, wenn man ins Krankenhaus geht und man bekommt sofort eine Leistung. Eine 22 Jahre alte Frau hatte Gebärmutterhalskrebs und die Versicherung sagte ihr ins Gesicht, das kann überhaupt nicht sein, Sie sind nach der Statistik viel zu jung dafür. Deswegen ging sie zu einem Freund nach Kanada, gab dessen Adresse an und das reichte. Sie sagte selbst „Das ist illegal, aber was bleibt mir anderes übrig?“ Das deutsche Gesundheitssystem kommt nicht explizit vor, womöglich weil das kanadische und das französische dem deutschen ähneln und Amerikaner mit Großbritannien, Frankreich und Kanada mehr verwandt sind, als mit den Deutschen. Als Europäer hat man es hierzulande schon sehr viel besser, als in den Vereinigten Staaten. Diese soziale Grundversorgung ist doch weitaus besser als die privatwirtschaftliche. Es sollte uns auch zu denken geben, wenn man sieht, wie viel bereits privatisiert worden ist – z. B. Strom - und was noch privatisiert werden soll - am Wasser arbeiten sie. Das sollte auf jeden Fall in der Hand des Staates bleiben. Was uns bleibt ist, auf jeden Fall hinter dem System, das wir haben zu stehen, egal wie viel es kostet, und nicht über die 10 € Gebühr zu jammern. Wir sehen, ein abgerissener Finger kostet mindestens um die 5000 $.

Wer die Filme von Michael Moore kennt, weiß, dass es Kritik gibt an der Polemik in diesen Filmen. Man wirft ihm vor, er manipuliert und übertreibt. Ich finde das sehr wichtig, dass es Leute wie Michael Moore gibt. Sollen die ruhig ein bisschen übertreiben, die Amerikaner kapieren es ja sonst nicht. Er verschweigt völlig die finanziellen Schwierigkeiten, die ein Gesundheitssystem wie das europäische mit sich bringt, er lobt das ein bisschen in den Himmel. Aber wenn man aus den USA kommt mit zig tausend Dollar an Zusatzzahlungen, selbst wenn man versichert ist - und der Film handelt hauptsächlich von Leuten, die versichert sind, aber trotzdem nicht die Hilfe bekommen, die ihnen zusteht – dann ist es nicht nötig das zu erwähnen. Er will einfach zeigen, es geht auch anders.

Der Film ist auf jeden Fall sehenswert. Er ist wesentlich besser als sein letzter, über den 11. September. Da fanden viel stärkere Manipulationen statt, hier so gut wie keine. Man darf nicht vergessen, Michael Moore bedient sich nur im Bereich der Dokumentation, er hat noch nie eine Dokumentation gedreht. Er will ein wenig Polemik schaffen und das tut er auch in diesem Fall sehr bewusst. Wie „Bowling for Columbine“ ist das ein sehr sehr guter Film.

USA 2007; R. Michael Moore

(Radio Neckar - Supreme im Freien Radio für Stuttgart)

 


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