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Raunächte –Zeit voller geheimnisvoller Umtriebe
 

(ms) Beginn der Raunächte ist je nach Auslegung am 21. Dezember, dem Tag der Wintersonnwende, oder am 24./25. Dezember, Heiligabend/1. Weihnachtsfeiertag. Die letzte Raunacht beginnt auf alle Fälle am Abend vor dem 6. Januar, dem Erscheinungsfest. Meist wird mit 12 Raunächten, in heidnischen Kreisen mit 13 Raunächten gerechnet. Der Altjahrsabend = Sylvester gilt als Lostag für das ganze nächste Jahr und wird deshalb üblicherweise nicht zu den Zwölfen gezählt. Bei Beginn der Zählung am 21. Dezember, der auch Thomastag heißt, wird auch das dazwischen liegende Wochenende nicht dazu gezählt. Der Thomastag ist genannt nach einem der Jünger Jesus, der erst nicht an dessen Auferstehung glauben wollte; das Ungläubige ist an diesem Tag aber auch vollkommen richtig, weil unsere Vorfahren in alten Zeiten auch nicht so ganz glauben und darauf vertrauen mochten, dass die Sonne nach dieser Nacht wieder etwas länger scheinen soll, so war es auch damals schon ein Tag der Ungläubigen. Erst ab dem 6. Januar, dem Erscheinungsfest, erscheint es ihnen fest genug gewesen zu sein, dass die Helligkeit wieder zu nimmt und das Leben weiter gehen kann, somit ist das Erscheinungsfest auch damit begründet.

Raunächte heißen Raunächte und nicht Rautage , weil in der dunklen Jahreszeit die Nacht vorherrschend ist gegenüber dem Tag und besonders den langen Nächten magische Qualitäten zugeschrieben werden.
Das Rau bezieht sich auf das Fell der Tiere (althochdeutsch rau = grob, haarig, ungezähmt), den in diesen Tagen besonders Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Der Legende nach konnten Tiere in diesen Tagen zwischen den Jahren sogar mit den Menschen sprechen bzw. sich verständlich machen. Man muss nur zuhören können.
Die Zeit der Raunächte wurde früher nicht zum normalen Jahreslauf dazu gezählt. So entsprechen die Raunächte genau den Tagen, die das Sonnenjahr mehr hat als das ältere Mondjahr. Auch hatte die Sonne mit ihrer Tageshelligkeit für unser Altvordern noch nicht so deutlich wieder zugenommen, als dass man davon ausgehen konnte, dass die gefürchtete dunkle, unfruchtbare Jahreszeit auch wieder zu Ende gehen würde. Die Sonne ist ja täglich auch nur einen Hahnenschrei länger am Himmel als am Tag zuvor. Erst um den 6. Januar war und ist deutlich genug zu erkennen, dass die Sonne wieder länger scheint. Daher wird in manchen Ländern (z.B. Spanien) Weihnachten auch erst am 6. Januar groß gefeiert und nicht am 24./25. Dezember.
In vielen Kulturen sind in dieser Zeitspanne mystische und magische Rituale üblich. Die bei uns auf germanischen oder auch vorgermanische Wurzeln zurückgehende Bräuche haben sich teilweise bis heute erhalten. Das genaue Alter dieser Bräuche lassen sich im Allgemeinen nicht mehr genau feststellen.
Aus heidnischer Zeit ist der Glaube überliefert, dass in diesen, zu keiner Zeit gehörenden Tage Wotan/Odin mit seinem wilden Heer durch die Luft fährt und alles und jeden mitreißt, der sich im in den Weg stellte. So erklärte man sich die starken Stürme, die in dieser Zeit oft über unser Land fegen. Aus noch älterer Zeit ist bekannt, dass Frau Holle (im Alpenraum Berchta/Perchta) als alte Muttergöttin in diesen Nächten durch die Lande zieht und die Seelen der Verstorbenen, vor allem der toten Kinder, mit sich nimmt, um sie zu nach einer gewissen Erholungszeit erneut in den Kindlesbrunnen gibt und die Seele somit wieder in den Lebenskreislauf schickt.

Besonders wichtige Daten vor allem zum Räuchern und Vorhersagen = Lossagen sind traditionell die Wintersonnwende am 21. Dezember, der Heilige Abend und die letzte Raunacht am Vorabend des 6. Januar.
Die einfachste Methode des Vorhersagens in den Raunächten besteht darin, das Wetter jedes einzelnen Tages der Reihe nach einem Monat des kommenden Jahres zuzuordnen. So steht der 1.Tag der Raunächte für den Januar, der 2. für den Februar usw... Auch das Zusammenleben in der Familie, ob Frieden oder Streit, Unzufriedenheit oder Glück vorherrschen, soll auf die jeweiligen Monate des neuen Jahres übertragen werden können.
Ob diese Aufzeichnungen allerdings "verbindlich" sein werden, entscheidet, so dachten die Schwaben, der 6. Januar, das Erscheinungsfest. Ist das Wetter an diesem Tag trocken, werden die Vorhersagen eintreffen, schneit oder regnet es dagegen ist nichts darauf zu geben. Weiterhin glaubte man dass die Träume, die man in den "Zwölfen" (Raunächten) träumt, in dem entsprechenden Monat des kommenden Jahres in Erfüllung gehen. Im Erzgebirge präzisierte man diese Aussage dahingehend, dass sich die Träume vor Mitternacht am Anfang, Träume nach Mitternacht am Ende des betreffenden Monats erfüllen.
Einem Brauch folgend geht man am letzten Rauabend nach Sonnenuntergang mit der Räucherschale immer dem Lauf der Sonne folgend durchs Haus, um es für das kommende Jahr zu segnen. Vergessen werden durfte da früher vor allem der Stall nicht; auch Amtsstuben wurden mit Weihrauch gereinigt. Daher wird auch oft gesagt, dass diese Tage Rau(c)htage heißen. Folgendes Räucherwerk war dabei besonders beliebt:
Salbei: verbreitet Segen im ganzen Haus und lockt das Glück an.
Beifuss: schützt und entspannt, wärmt und beruhigt, stärkt die Lebenskraft.
Mariengras: reinigt die Atmosphäre, zieht gute Geister an, bringt Leichtigkeit und führt hin zur Vision.
Rosmarin: reinigt, stärkt, klärt den Geist.
Weihrauch: bringt mit dem Göttlichen in Verbindung.

Sehr verbreitet sind in den Raunächten Orakel mit Tarot oder anderen Karten sowie sonstige Deviationen z.B. Pendel, Runen u.ä.. Auch bei diesen Deutungen gilt jeder Tag für einen Monat im kommenden Jahr.
Am stärksten erhalten aber hat sich der Brauch, dass in diesen Raunachtstagen alle vermeidbare Arbeiten ruhen sollten, so soll z.B. keine Wäsche gewaschen oder aufgehängt werden, keine Fenster geputzt oder Komposthaufen versetzt werden, keine Vorratsarbeiten statt finden. Weiters waren verboten spinnen, nähen, klöppeln, mangeln, dreschen, Nägel einschlagen, sich die Füße waschen (!) und Haare schneiden (bringt Kopfschmerzen). Frühmorgens darf man nicht pfeifen, keine Nüsse, Äpfel oder sonst etwas vom Boden aufheben; keine Hülsenfrüchte verzehren. Ein Verstoß gegen diese Regel brachte, so sagte man, Unglück oder sogar den Tod im kommenden Jahr; bestenfalls könne man sich Geschwüre zu ziehen, Kröten anlocken oder sonst krank werden. Von dieser Regel ausgenommen war die Versorgung von Mensch und Tier. Dadurch waren die Raunächte also eine Zeit der Ruhe und des Kräfteschöpfens fürs neue Jahr.
Allerdings war es erlaubt, Besen zu binden, da diese vor Ungeziefer und Hexen schützen und das Vieh gedeihen lassen. Sehr gefährlich ist auch das Türen zuschlagen in diesen 12 Nächten, da muss man dann im neuen Jahr mit Blitz und Donner rechnen. Am Besten geht man an diesen Tagen fremden Tieren aus dem Weg und nennt Ratten nicht beim Namen. Spenden für das Vieh (Maulgaben) oder an notleidende Menschen aber sollten eventuelles Unheil abwenden können.
Die letzte Raunacht war der auch heute noch in den Alpen sehr beachtete "Perchtenabend", der mit Maskenumzügen begangen wurde/wird mit Masken, die zum Teil auf einer Seite ein dämonisches Antlitz und von der anderen Seite die lieblichen Züge der neugeborenen Sonne zeigen. Felder werden mit Weihwasser besprengt, um sie fruchtbar und ertragreich zu machen. Diesen lärmenden Perchten- oder Berchtenläufe setzte das Christentum im Mittelalter die Umzüge der Sternsinger entgegen. Ganz besonders bemerkenswert ist, dass in den Raunächten einst die Frauen Gericht halten konnten und Geschäftsleute, Bauern und andere meist Männer anklagen konnten, wenn sie sich eines Vergehens gegen Mensch, Tier oder Natur schuldig gemacht hatten. Kinder, die an einem Samstag in dieser Zeit geboren werden, besaßen nach Auffassung der meisten europäischen Völker magische Kräfte.

Ein persönlicher Erfahrungsbericht:
Wie ich es erlebte: noch in meiner Kindheit wurde an diesen Tagen weder Wäsche gewaschen noch aufgehängt, wenn sie allerdings noch auf der Bühne hing, wurde sie bis nach dem Erscheinungsfest auch dort unberührt belassen, war dann stocksteif gefroren, so dass sie selbst stehen konnte. Wir bekamen die Eisenbahn zum Aufbau bzw. Puppenstube und Einkaufsladen wurden von der Bühne geholt. Nach Feiertagen wurden sie mit dem Abbau des Weihnachtsbaumes wieder weggetragen.
Später bei meinen eigenen Kindern, hatte ich an diesen Tage mir einfach unerklärlich und intuitiv nicht das Bedürfnis mehr als die allernötigsten Hausarbeiten zu erledigen, was sonst das ganze Jahr nicht vorkam. Aber an den Tagen zwischen Heilig Abend und 6. Januar wurde bei uns viel gespielt und vor allem gepuzzelt. Nach dem Erscheinungsfest war dieser Anfall vorbei fürs ganze Jahr, bis zum nächsten Weihnachtsfest. Über die mystischen Hintergründe wußte ich damals noch nicht Bescheid.
Und heute wird in der Raunachtszeit am Abend für jeden Anwesenden eine Kerze entzündet, die Tarotkarten werden herausgeholt und ausgelegt, an jedem Abend für einen Monat des neuen Jahres; das Wetter wird dokumentiert, ebenso die Gefühlslage sowie besondere Vorkommnisse. Bei unseren Spaziergängen, die zu dieser Zeit meist in der Dunkelheit durch den Wald führen, versuchen wir aufmerksam zu lauschen. Aber auch wir sind Kinder der heutigen Zeit, unser Hörvermögen ist zu sehr vom Verstand überlagert.
Aber wer weiß, wir üben ja noch.
Wie ist es bei Euch? Erzählt doch mal.

Dorothee Schmid


 


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